aufdirndln

Musikerinnen von Netnakisum
(c) Wolfgang Simlinger

Am Donnerstag, 27. Juli haben wir die entscheidenden Fragen gestellt: Wie schaut 2023 ein echtes Dirndl aus? Was sind die Parameter für eine nachhaltige Tracht? Wer bestimmt, wer was tragen darf? Oder dürfen wir eh alles?

Die Antworten lieferte die zahlreich besuchte Podiumsdiskussion „aufdirndln – aber wie?“ am Donnerstag, 27. Juli im Valentium in St. Valentin,  wo der Saal voll war. Auch online gab es reges Interesse, wir durften uns über 200 Teilnehmer:innen freuen.

Hier geht´s zur Aufzeichnung!

Am Podium: Carl Tillessen, Trendanalyst, Designer und Dozent für Mode in Hamburg, Autor („Konsum“)

Thekla Weissengruber, OÖ Landesmuseum, Volkskunde und Alltagskultur

Andreas Anibas, Landesinnungsmeister Mode und Bekleidungstechnik Niederösterreich

Michaela Wurz, Modeatelier UNIKAT, St. Valentin, Preisträgerin des Wettbewerbs nachhaltig.DIRNDL 2020

Das Thema Tracht bewegt nun schon seit über 100 Jahren. Das sich gerade etablierende Fach Volkskunde widmete sich der Dokumentation überlieferten Wissens. Dazu wurden Erhebungen zu Volkslied, ländlicher Bauart, Brauch und Tracht initiiert. Bedeutende Museumsleiter wie Arthur Haberlandt, Viktor Geramb und Josef Ringler sahen ihre Aufgabe nicht nur darin „die Quellen der nationalen Kultur zu behüten, sondern auch neues zu gestalten“. Besonders Viktor Geramb stellte Textilproduzenten wie der Firma Rhomberg in Vorarlberg, der Firma Stapf in Tirol oder der Seidenweberei Flemmich in Wien alte Vorlagen und Muster zur Verfügung, um deren Erhaltung zu befördern. Zahlreiche Fotografien aus der Zwischenkriegszeit belegen, dass das Dirndl und die Lederhose das Outfit der bürgerlichen Gesellschaft in der Sommerfrische waren. Die Sorge, dass das Dirndl zum bloßen modischen Kleidungsstück verkommen würde, war groß. Anna Mautner setzte sich bei einem Symposium zur Pflege der steirischen Tracht im Jahr 1936 für die behutsame Weiterentwicklung der Tracht ein: „Bei aller natürlichen Weiterentwicklung darf Tracht doch niemals zur Modesache und Maskerade werden …“. In dieser Tradition wurden die von den Heimatwerken in der der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts forcierten „echten“ Trachten in bestimmten Regionen verortet, wo sie auch getragen werden sollten – dies alles wurde nach strengsten wissenschaftlichen Kriterien erarbeitet. Gexi Tostmann merkt dazu kritisch im 1998 erschienen Buch „Das Dirndl“ an, „dass ein ursprünglicher und heiterer Kleidungsstil saft- und kraftlos und ein bisschen steril wird“.

(c)VKNÖ

Im 21. Jahrhundert steht die Textilbranche vor neuen Herausforderungen. Denn die Industrie hat viele Schattenseiten: Wasserverschmutzung, Treibhausgase, Arbeitsrechtsverletzungen und nicht zuletzt Berge von Müll fordern auch in diesem Bereich ein Umdenken. Das Dirndl als zeitloses Kleidungsstück? Zweimal forderte die Volkskultur Niederösterreich schon Schneider:innen, Trachtenliebhaber:innen und Schüler:innen, die sich mit Textildesign beschäftigen, auf, sich Gedanken über ein nachhaltiges Dirndl zu machen. Die Hersteller:in sollte sich auch bewusst mit der Produktionskette auseinandersetzen. Eine Vielfalt von Projekten wurde eingereicht: alte Stoffe – die berühmten Dachbodenfunde – wurden neu eingefärbt, mit Modeln bedruckt, Dirndln aus Großmutters Beständen aufgefrischt, ausgediente Krawatten bekamen ein neues Leben als Dirndlrock, aber auch neue Textilien wurden unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit ausgewählt. Leinen und Baumwolle stammen aus kleinen Manufakturen, durchaus auch aus anderen Ländern, aber unter der Prämisse des fairen Handels. Überlieferte Handwerkstechniken werden eingesetzt, um ein individuelles Kleidungsstück, passend zur Trägerin, zu kreieren.

Wer die spannende Diskussion nachverfolgen möchte oder noch nicht genug bekommen hat:

Podiumsdiskussion „aufdirndln – aber wie?!“ nachhören!

Übrigens: Am Sonntag, 10. September lädt die Volkskultur Niederösterreich zum Dirndlgwandsonntag.