Volkskultur neu denken

Volkskultur neu denken

Die Volkskultur Niederösterreich lud am Freitag, 19. September 2025 gemeinsam mit dem Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien zum hochkarätig besetzten Symposium „Volkskultur neu denken“. Dabei wurden die Begriffe „Volkskultur“, „Volk“, „Heimat“, „Brauch“ und „Tradition“ aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet und im Dialog mit dem Publikum diskutiert.

Die Fachvorträge und Diskussionen brachten klare Definitionen dieser Begriffe, schufen eine Bewusstseinsbildung für ihre Verwendung und machten zugleich sichtbar, wie problematisch ihre politische Instrumentalisierung sein kann, insbesondere durch nationalistisch geprägte Ideologien.

Das Symposium machte deutlich, dass neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ein Weiterdenken und mitunter auch ein Neudenken strategischer Ausrichtungen in der Volkskultur erfordern, immer im Dialog zwischen Theorie und Praxis. Zugleich wurde sichtbar, dass Institutionen wie Volkskultur Niederösterreich dabei eine wichtige Rolle und Verantwortung tragen, indem sie Diskurse anregen, Entwicklungen begleiten und Brücken zwischen Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft schlagen.

Brigitta Schmidt-Lauber

Von Seiten der Wissenschaft erfolgte eine Einführung in „Begriffe im Wandel in Wissenschaft und Gesellschaft“ durch Brigitta Schmidt-Lauber, Vorständin des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Schmidt-Lauber beleuchtete den historischen Begriffswandel von der Volkskunde über die europäische Ethnologie bis zur empirischen Kulturwissenschaft. Dabei stellte sie problematische Zugänge wie die politische Instrumentalisierung von Volkskultur ebenso in den Raum wie die vermeintlich uralten Bräuche, die oft vielmehr kommerziell ausgeschlachtete, gegenwärtige folkloristische Erscheinungen darstellen. Auch den Schutz immateriellen Kulturerbes sieht sie nur insofern als sinnvoll, solange die Lebendigkeit dieser Traditionen nicht darunter leidet und eine Weiterentwicklung möglich bleibt. Bräuche seien nämlich nicht starr, uralt und unveränderlich, vielmehr seien sie Ausdruck einer lebendigen und veränderlichen Gesellschaft und werden auch immer wieder neu erfunden.

Massive Veränderungen wie die Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die Globalisierung im 20. Jahrhundert sowie die Digitalisierung und die noch immer nachwirkende Pandemie hätten aber zu einem stark werdenden Rettungsgedanken vermeintlich uralter Traditionen geführt und zu einer Sehnsucht nach der scheinbaren ländlichen Idylle. Doch die Lebenswelten haben sich stets verändert und mit ihnen auch die Bräuche und Traditionen.

Jens Wietschorke

Die zweite Keynote von Jens Wietschorke, Akademischer Rat am Institut für Empirischen Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, befasste sich mit dem Gedanken, welches „Volk“ eigentlich hinter der „Volkskultur“ stünde.

Scheinbar einfache Begriffe wie „Volk“ und „Kultur“ bieten bei tiefergehender Betrachtung ein breites Spektrum an Bedeutungen. Volk kann sowohl als „demos“ gesehen werden, als der Souverän in einer funktionierenden Demokratie. Volk kann aber auch national verstanden werden, der Abstammung und Herkunft geschuldet. Dieser „Ethnos“ wurde aber bald von nationalen Strömungen vereinnahmt und politisch zur Ausgrenzung „der Anderen“ genutzt.

Schließlich kann das Volks auch als das „einfache Volk“ im Gegensatz zu den Eliten gedeutet werden. Rechtspopulisten nutzen alle drei Bedeutungsvarianten in Kombination „Wir gegen die….“ für ihre ausgrenzende Propaganda.

Volkskultur war vor allem ein Streitobjekt zwischen Intellektuellen, wobei der Begriff vor den 1920er-Jahren gar nicht geläufig war und auch danach vor allem als Instrument der Bildungskritik und als reformpädagogisches Konzept benutzt wurde.

Der Begriff Kultur wurde erst nach 1945 als solcher klarer definiert und damit einhergehend auch die nun sogenannte Volkskultur, die sich mit ländlichen Überlieferungen auseinandersetzte. Nach einer Hochblüte in den 1960er-Jahren verschwand der Begriff ab 2000 vollkommen aus dem akademischen Diskurs.

Nichtdestotrotz ist die Volkskultur mit seiner Vielzahl an Ausdrucksformen – von Tanz über Handwerk, Tracht und Musik – ein lebendiger Teil der Gesellschaft. In der Praxis ausgeübte Kulturtechniken und die wissenschaftliche Dokumentation und Aufarbeitung von kulturellen Erscheinungsformen trafen bei diesem Symposium aufeinander und wurden eingehend besprochen und diskutiert.

Michael Greger
Michael Greger

Dazu trugen auch die Kurzbeiträge zu den Begriffen „Heimat“, „Brauch“ und „Tradition“ von  Michael Greger, Leiter des Salzburger Landesinstituts für Volkskunde, Birgit Johler, Kuratorin für das Volkskundemuseum Universalmuseum Joanneum in Graz und Honorarprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien, und Klaus Schönberger, stellvertretender Vorstand des Instituts für Kulturanalyse an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/Celovec bei.

Greger leitete den Begriff „Brauch“ von „brauchen“ her, wobei er konstatierte, dass Bräuche, die nicht mehr gebraucht würden – wie Dienstbotenbräuche zum Beispiel – auch mit gutem Grund verschwunden wären. Bräuche entstehen, wenn die Gesellschaft sie benötigt, sie seien „menschengemacht“. Es gäbe die Jahreslaufbräuche, die Lebenslaufbräuche, Arbeitsbräuche oder Schwellenbräuche. An ihnen wird zum Beispiel die Zeit mess- und erlebbar. Es sind Inszenierungen von Ereignissen, die wiederkehren und uns mit bestimmten Gruppen verbinden.

Auch Greger brachte einen kurzen historischen Abriss, der den Wandel von Bräuchen aufzeigt: von der Binnenexotik der Sommerfrische der Reichen und Adeligen über das „Branding“ der Kronländer, das Entstehen von Heimatvereinen in den 1890er-Jahren bis zur „Indienstnahme“ und Mythologisierung in den 1930er-Jahren, die weitergeführt zu einer vermeintlichen Herleitung der Bräuche aus dem Germanischen und schließlich Keltischem führte. Die Diversifizierung der Gesellschaft brachte es schließlich mit sich, dass es heute ein breiteres, weniger religiöses Verständnis von Bräuchen gäbe.

Birgit Johler
Birgit Johler

Birgit Johler nahm sich des ambivalenten Begriffs der „Heimat“ an, den sie als „zerzausten“ Begriff bezeichnete, da er sehr unterschiedlich konnotiert würde – weniger als Ort, denn als Gefühl. Es sei dies ein Wort, das manchmal emotional aufgeladen, politisch vereinnahmt und dennoch gesellschaftlich hochwirksam auftritt. Heimat war ursprünglich die Zugehörigkeit zu einer meist territorial definierten Gruppe, die mit Anspruch auf Versorgung durch die Gemeinschaft verbunden war.

Der Begriff wurde in der Zeit des Nationalsozialismus als Instrument der Ausgrenzung missbraucht, war aber auch danach in Form der Heimatfilme und Heimatmuseen präsent und beliebt. Wie aktuelle politische Werbung zeigt, kann Heimat sowohl inklusiv wie auch ausgrenzend verstanden werden. Eine Aufladung des Wortes mit positivem und verbindendem Duktus wäre in der heutigen Situation höchst wünschenswert.

Um den Begriff neu zu besetzen, würde daher heute oft das Wort „Heimaten“ benutzt, so Johler, neben der territorialen Heimat gäbe es ja auch Bildungsheimaten und Beziehungsheimaten. Den Begriff Heimat als offenes Konzept zu betrachten, kreative Herangehensweisen und eine Perspektivenvielfalt könnten Wege sein, diesen Begriff neu und zukunftsweisend aufzuladen. Die Sehnsucht nach Heimat scheint nämlich im Menschen grundgelegt zu sein, laut Robert Menasse sei sie aber „die schönste Utopie“.

Klaus Schönberger

Dem Begriff „Tradition“ widmete sich Klaus Schönberger, der ihre Selbstverständlichkeit hinterfragte. Der Brauch sei das Tun, die wiederkehrende Praxis, die Tradition die Deutung dieser. Oft seien Traditionen das Produkt kultureller Innovationen. Wobei er nicht die Bedeutung der Tradition in Frage stellen wolle, sondern das Wissen um die Entstehung, die Herkunft und die Motivation hinter den Bräuchen vermitteln möchte. Bräuche und Traditionen stiften Gemeinschaft und machen Freude, sie machen uns aber nicht aus. Der Auftånz wurde erst vor 60 Jahren eingeführt, der Christbaum in den Privathäusern wurde erst nach dem ersten Weltkrieg populär, dennoch würden diese Bräuche für „uralt“ gehalten. Auch die ländlichen Gesellschaften waren und sind vielfältiger und globaler als uns vereinfachende und verklärende Darstellungsweisen glauben machen wollen. Wenn es um Orientierung und Halt ginge, vertraue man dem vermeintlich Authentischen mehr und so wurden Innovationen im Gewand des „Alten“ durchgesetzt. Doch würden Traditionen stets die Gegenwart widerspiegeln.

Bräuche wurden sehr oft auch ausgrenzend gebraucht, nicht nur gegen „Fremde“, auch gegen Kinder und Frauen. Ein Wandel mit Einbeziehung aktueller Lebenswahrheiten und gegenwärtigen Situationen ist daher nicht nur wünschenswert, sondern unbedingt notwendig, um Volkskultur neu zu denken. Unser facettenreiches Land bietet dafür viele Anregungen und diese zuzulassen, führe in eine positive Zukunft.

Helen Ahner

Die anschließende Diskussion und der Dialog mit dem Publikum, in dem sich zahlreiche ehrenamtlich Tätige und Kulturschaffende befanden, brachten viele Anregungen aus den unterschiedlichsten Bereichen des niederösterreichischen Kulturlebens, zum Teil aus persönlichen Erlebnissen resultierend, aber auch die Breite und Vielfalt der Volkskultur berücksichtigend. An dem Diskurs beteiligten sich einzelne Kulturschaffende genauso wie Vertreterinnen und Vertreter von Kulturinstitutionen, unter anderen Ulrich Morgenstern, Professor am Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der Universität Wien, Marie-Theres Bauer, Österreichische UNESCO-Kommission, Thomas Nussbaumer, Universität Mozarteum Fachbereich Musikalische Ethnologie, Dieter Schickbichler, Lehrbeauftragter an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Institut für musikpädagogische Forschung und Praxis, Sabine Pfeisinger, Landesleiterin der Landjugend Niederösterreich, Johannes Starmühler, Österreichisches Volksliedwerk, Ingrid Krottendorfer, Pädagogische Hochschule Niederösterreich, Musikvermittler Volker Gallasch, Regionalforscher Bernhard Gamsjäger, Autor, Musikant und Philosoph Norbert Hauer, für die Chormusik Karl Neulinger, Vokalakademie Niederösterreich, Rupert Klein, Präsident der Österreichischen Heimat- und Trachtenvereine, Volkstanzvermittlerin Angelika Keiblinger, Obfrau des Landesverbands Volkskultur Niederösterreich, Franz Steininger, Tanzforum Niederösterreich und im Vorstand des Landesverbands Volkskultur Niederösterreich, Gerhard Floßmann, BhW Schallaburg, Josef Neuhold, Leiter des Fachbereichs Klein- und Flurdenkmale, Erich Pichl, Kommandant des Bürgerkorps zu Waidhofen an der Thaya, Reinhard Doplik, NÖ Landesjagdverband, Maria Knöpfl von der Familienmusik Knöpfl, Walter Pernikl, Weinland Traisental, und viele mehr.

Durch den erkenntnisreichen Nachmittag führte Helen Ahner, Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien, für die einfühlsame musikalische Umrahmung sorgte das Duo Haertel Wascher.

Holdinggeschäftsführer Martin Lammerhuber

Martin Lammerhuber, Holdinggeschäftsführer der Kultur.Region.Niederösterreich, freute sich über den großen Zuspruch aus den Reihen der Wissenschaft, der Fachinstitutionen und des Ehrenamts: „Die große Resonanz zeigt, wie stark die Volkskultur in unserem Alltag verankert ist. Ihre Bedeutung darf nicht auf Dekoration, Werbung oder schnelle Schlagworte reduziert werden. Volkskultur ist weder bloß ein Trend und schon gar nicht rückwärtsgewandt. Richtig verstanden, vermittelt sie Orientierung und Sicherheit – und steht zugleich für Offenheit und Toleranz. Das heutige Symposium ist kein kurzfristiges Feuerwerk, sondern ein bewusster Auftakt: Volkskultur im 21. Jahrhundert beherzt, inspiriert und zeitgemäß zu positionieren.“

Harald Froschauer, Geschäftsführer der Volkskultur Niederösterreich unter dem Dach der Kultur.Region.Niederösterreich, sieht das Symposium als Startschuss für weitere Aktivitäten in diese Richtung: „Aus den Ergebnissen der Vorträge und vor allem anschließenden Diskussion, bei der viele Anregungen aus der volkskulturellen Praxis kamen, wird die Volkskultur Niederösterreich im Jahr 2026 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien unter anderem einen Lehrgang entwickeln, mit dem die Bedürfnisse der Kulturschaffenden bedient werden.“

Harald Froschauer