Stoffe, die uns kleiden

(c)Erich Marschik

Stoffe, die uns kleiden, stehen bei den Trachten im Mittelpunkt. Der „Dirndlgwandsonntag“ bietet jedes Jahr eine Möglichkeit, das Dirndlkleid, den Trachtenanzug oder die Lederhose überzeugt zu tragen.

Seit 2009 feiern wir in Niederösterreich jenen Sonntag im September, der in die Nähe des Namenstages der Trachtenheiligen Notburga am 13. September fällt.

Das Spiel mit Stoffen, Farben und Mustern

lässt der Phantasie beinahe freien Lauf und macht Freude – mir jedenfalls.

Präsentation des Wettbewerbs „nachhaltig.DIRNDL“, Volkskultur Niederösterreich und Wirtschaftskammer Niederösterreich, Jugendstilgarten der Voithvilla in St. Pölten, September 2020.

Um beim „Dirndlgwand“ zu bleiben: Allein die Auswahl der Materialien und damit einhergehend der Farben und Muster machen das Kleidungsstück zum Unikat, vorausgesetzt, es ist handgefertigt.

Industriell hergestellt, gibt es selbstverständlich die Mehrfachproduktion. Es sind in erster Linie Naturmaterialien, die bevorzugt verwendet werden: Leinen, Baumwolle, Seide, Wolle, Loden oder Samt.

Durch die Entwicklung von High-Tech Fasern beispielsweise aus Holz in umweltfreundlichen Verfahren können heute Stoffe hergestellt werden, die den Eigenschaften von Naturmaterialien sehr nahe kommen – im Handel erhältlich unter den Markennamen Tenzel oder MicroModal.

Denke ich an meine Jugendjahre in der Volkstanzgruppe zurück, so waren es in erster Linie Mischfasern, die für die Anfertigung von Mieder und Kittel verwendet wurden, die Schürzen bestanden ausschließlich aus Kunstseide: für den Transport im Koffer sehr praktisch, weil sich die Kleider nicht verdrückten. Diese Dirndln wurden daher „Kofferdirndln“ genannt.

Drei Generationen im Dirndl – ein Kleid für jedes Alter.

Man könnte fast meinen, damit eine Rechtfertigung für das Materiel parat gehabt zu haben.

Die Faszination des Dirndlkleids liegt in der Vielfalt. Ich bin der Überzeugung: „Je intensiver die Auseinandersetzung, desto größer die Begeisterung“. Ganz abgesehen von der schon erwähnten Nachhaltigkeit und Langlebigkeit kann allein durch den Tausch der Schürze ein anderes Kleid mit neuem Charakter gezaubert werden.

So gibt zum Beispiel eine Seidenschürze dem Kleid, gesamt gesehen, eine festliche Note. Der Mix an Materialen ist also durchaus sinnvoll.

Die Tracht darf bereits auf einige Epochen ihres Daseins zurückblicken. Vorschriften für das so genannte „echte Dirndl“ wurden einmal strenger, das nächste Mal lockerer gehandhabt.

Das unterhaltende Lied vom Kirtåg im kålten Stoanagråbn.
Quelle: So singt Österreich. Hrsg.: Thomas Nußbaumer und Franz Posch. Verlag Löwenzahn. Innsbruck 2012. S. 205.

Einige Merkmale sollten dennoch beachtet werden, aber auch dahingehend begleiten Ausnahmen die Regeln.

Das Dirndl ist wie eine zweite Haut zu verstehen, meint die Trachtenkundlerin Gexi Tostmann. Kurz gesagt: Es muss sitzen. Und: Farben, Muster und Kittellängen sollten zur Trägerin und zum Alter der Trägerin schlüssig gewählt sein.

Das überlieferte und unterhaltsame Lied vom „Stoanagråbn“ bezieht sich in seiner ersten Strophe auf das „Fiata“

Im kålten Stoanagråbn, då is heut Kirta drinn,
åba herzigs Diandal mein, wås willst fürn Kirtåg håbn?

Willst hohe Stöckerlschuah mit rote Mascherl drauf?
Oder willst an Fiatazeug, an schen an blaun?

 

Der Begriff „Fiata“ bedeutet Fürtuch bzw. Vortuch, benennt also eine Schürze.
Ältere Abbildungen, vor allem das 19. Jahrhundert betreffend und davor, zeigen die Bäuerinnen und Mägde stets mit dem Arbeitskleid Dirndl. Schürzen wurden zum Schutz des Kittels getragen. Sie waren überdies dienlich, um schnell etwas zu transportieren oder zu sammeln.

Das „Fiata“ – Schutz und Behältnis im Alltag gleichermaßen. Foto: Edgar Niemeczek
Das „Fiata“ – Schutz und Behältnis im Alltag gleichermaßen. Foto: Edgar Niemeczek

Meine Großmutter trug stets ein „Fiata“, einfärbig blau oder im Blaudruck. Wenn sie vor oder während des Kochens schnell in den Garten ging, um Gemüse oder Kräuter zu holen, oder beim Gang durch den Wald unerwartet Schwammerln fand, so hob sie ihre Schürze und in Windeseile wurde daraus ein Stoffsackerl, vorübergehend versteht sich. Man musste es nur zusammenhalten, damit nichts verlorenging.

Irgendwann kam die Legende auf, dass Dirndlschürzen, so sie vorne mit einer Masche gebunden werden, etwas über den Familienstand aussagen.

Ist die Masche links gebunden, weist das auf den Ledigenstand, rechts gebunden auf den Ehestand hin.

Immer wieder wurde ich in meiner aktiven beruflichen Tätigkeit darüber befragt. Ich wusste nur, dass es dafür keinen plausiblen, historischen Beleg gab. Aber so ist das eben mit Bräuchen, sie müssen nicht immer sachlich begründet bzw. abgeleitet sein, sie sind auf einmal da. Mittlerweile hat sich diese Mär aber so gehalten, dass man durchaus von einer Überlieferung sprechen könnte.

Ich persönlich binde meine Schürzen gerne am Rücken oder vorne links – obwohl ich verheiratet bin.

Bei den Dirndln, wie wir sie kennen und wie sie heute angeboten werden, gehört die Schürze – die Dirndlbluse übrigens auch – dazu. Sie ist Schmuck und Dekoration.

Besonders schön und wertvoll sind handbedruckte hochwertige Stoffe wie feine Baumwolle oder Leinen bzw. Seide. Im Ausseerland gibt es noch einige Familienbetriebe, die den Handdruck gewerblich herstellen.

Schürzen-Varianten, (c) Volkskultur Niederösterreich

Ein Dirndlkleid kann – das ist allerdings nicht die Regel – auch ohne Schürze getragen werden. In den letzten Jahren hat sich, ich würde meinen als modische Alternative, das lange Schürzenband, das um die Taille gewickelt bzw. gebunden wird, etabliert. Ähnlich beim Ärmeldirndl, das logischerweise keine Dirndlbluse und ebenfalls nicht zwingend eine Dirndlschürze braucht.

Für kältere Tage empfiehlt sich zum Überziehen eine Strickweste oder Lodenjoppe, vielleicht auch ein Lodenmantel oder Wetterfleck. Selbst eine Original-Jeans-Jacke lässt sich recht gut mit dem Dirndlkleid kombinieren.

Die Stoff-, Muster- und Farbkombinationen scheinen beinahe unerschöpflich zu sein. Das macht das Dirndlkleid so interessant, schön, praktisch und festlich – kurz gesagt, genial.

Viel Anregung, Phantasie, und vor allem Freude beim Auswählen, gegebenfalls Fertigen, aber vor allem Tragen von „Dirndlgwandln“ und anderen Trachten.

Plakat Dirndlgwandsonntag 2025

Dorli Draxler
September 2025

  1. Hinweis:
    Landesweiter Dirndlgwandsonntag „Wir tragen Niederösterreich“
    am Sonntag, 14. September 2025
  2. Hinweis:
    Sammelmappe „Tracht in Niederösterreich“, 80 Einzelblätter, Hrg.: Volkskultur Niederösterreich, 2005 – 2020.