Volksmusik lernen

Volksmusik lernen

Der Sommer naht und das Angebot an Musizierwochen ist nicht nur bemerkenswert umfangreich, sondern auch sehr beliebt. Woran das wohl liegt? Meiner Einschätzung nach gibt es dafür ein ganzes Bündel an Motiven, denn die Ferienzeit ist mit entspannter Atmosphäre, schönen Aufenthaltsorten und sozialen Kontakten verbunden. Da heißt es: endlich Freunde mit den gleichen Interessen treffen. Das trifft jedenfalls bei den Sing- und Musizierwochen zu. Seit mehr als 40 Jahren funktionieren diese in unserem Bundesland, seit mehr als 40 Jahren mit im Wesentlichen gleichem Grundkonzept. Es geht um eine Musikvermittlung, die im Musikschulalltag möglicherweise zeitlich bedingt zu kurz oder gar nicht zum Tragen kommt.

Noten als „Gedächtnisstützen“ für die Musikantenwochen:
Großrußbacher Auslese, Spontan-Lebendig-Traditionsbewußt,
Hast Du Töne u. a.
© Volkskultur Niederösterreich

Heute haben viele junge Menschen die Möglichkeit, Instrumente zu erlernen. Früher war das anders. Es wurde nicht so viel musiziert, nur wenigen war professioneller Unterricht vorbehalten und in der Volksmusik, damals Gebrauchsmusik, wurde man angelernt, wenn überhaupt. Die geänderten gesellschaftlichen Strukturen erschweren das selbstverständliche und spontane Singen und Musizieren, das tägliche Mitwachsen, weil die musikalische Selbstversorgung im Privaten weitgehend abhanden gekommen ist. Wir sind terminlich durchgetaktet. Ein dichtes Programm haben bereits die Kleinsten zu meistern.

Der Volksmusik wohnt Funktion inne. Für jede Lebenslage, für Anlässe im Alltag und am Festtag, gewissermaßen begleitend von der Geburt bis zur Bahre sind Lieder überliefert. Selbstverständlich entstehen auch neue Lieder, die dafür stehen. Liebeslieder, Gratulationslieder, Abschiedslieder, um einige Gattungen zu nennen. Begabte Sängerinnen und Sänger oder Chorleiterinnen und Chorleiter schreiben Lieder, talentierte und hervorragende Instrumentalisten vermitteln neben der überlieferten Tanzmusik sehr gerne Widmungsstücke aus der eigenen Feder. So tragen viele Stücke konkrete Namen im Titel, wie etwa der „Hannerl Steirer“ von Hermann Härtel sen., die „Anita Polka“ von Ernst Spirk, die „Hermann Trilogie“, ein Boarischer von Hans Schröpfer, oder „Da Mama ihra“, ein Walzer vom Leit´n Toni (Toni Mooslechner) jjun. Das Abendlied „Kimmt schen hoamli die Nåcht“ von Wastl Fanderl (19915 – 1991) beispielsweise hat sich im gesamten Alpenraum verbreitet, hat den Duktus einer überlieferten Melodie und entspricht einer Sehnsucht nach Harmonie, Ruhe, Geborgenheit und Liebe: ein Lied, das in glücklichen und dankbaren Momenten angestimmt wird.

Ob anonym überliefert oder bewusst komponiert – diese Musik will nicht nur vorgetragen, sondern vor allem auch vermittelt sein. Ich persönlich gehöre diesbezüglich einer Generation des Übergangs an. Denke ich an meine Kindheit in der mittleren Steiermark zurück, erinnere ich mich gerne an meine Großmutter mütterlicherseits.
Sie war Ennstalerin und besuchte uns zwei bis drei Mal jährlich für einen längeren Zeitraum hindurch. Heute wäre eine Distanz von ca. 120 Kilometern etwas für einen Nachmittagsausflug – vor 50, 60 Jahren jedoch war das ein ausgedehntes Reisevorhaben. Meine Großmutter war eine sehr bescheidene, fleißige, sparsame, und liebevolle Frau – der damaligen Zeit entsprechend. Sie beschenkte uns Kinder mit Liedern, Gedichten und Spielen. Wir hatten keinen Fernseher und demnach war die Freizeit- und Abendgestaltung „selbstgemacht“. Es waren die Schullieder und Kanons ihrer eigenen Schulzeit, die sie mit uns gesungen hat: „Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König“ (dem deutschen Komponisten August Mühling, 1786 – 1847, zugeschrieben), „Das Wandern ist des Müllers Lust“ (aus dem Zyklus „Die schöne Müllerin“, Musik von Franz Schubert (1797 – 1828), Worte von Wilhelm Müller (1794 – 1827)), oder „Znåchst hån i a Roas gmåcht ins steirische Lånd – und Jodler drauf“ (steirisches Volkslied).

Das Geheimnis der Vermittlung lag wohl in der Wiederholung. Ohne große Ankündigung wurde zwischendurch im Alltag, bei der Haus- oder Gartenarbeit, an der wir uns schon beteiligen mussten, immer wieder ein Lied angestimmt und wir haben selbstverständlich zugehört, dazuprobiert, gesummt, Textteile aufgenommen – und – irgendwann war das Lied vollständig übernommen: selbstverständliche Musikerziehung, so könnte man diese Art des Erlernens treffend bezeichnen.

Viele Musikschulen bieten das Hauptfach Steirische Harmonika an. Zither, Hackbrett und die Diatonische Harmonika zählen traditionellerweise zu den ausgewiesenen Volksmusikinstrumenten. Dazu gesellen sich im Alpenland die Schwegel (eine einfache Querflöte aus Holz), die Maultrommel, die „Saugeige“, das Bassettl, das Alp- und das Wurzhorn u. a. Obwohl, Volksmusik kann mit jedem Instrument musiziert werden. Alle Streich-, Blas- und Tasteninstrumente eignen sich für Ländler & Co – solistisch und im Ensemble.

Ensemblemusizieren in der Unterleiten.© Volkskultur Niederösterreich
Ensemblemusizieren in der Unterleiten. © Volkskultur Niederösterreich

Neben der pädagogischen Musikvermittlung an den landauf und landab zunehmend an Bedeutung gewinnenden Musikschulen sahen es die volkskulturellen Einrichtungen aller Bundesländer stets als Aufgabe, Volksmusik in ergänzenden Musiziertagen und -wochen nach annähernd „mündlicher“ Überlieferung weiterzutragen. Die Volksliedarchive aller Bundesländer zählen an die 200.000 Aufzeichnungen von mündlich tradierten Liedern, Weisen und Tänzen. Daran orientierten sich die Referentinnen und Referenten der Schulen Walter Deutsch, Gerlinde Haid und Rudi Pietsch.

Nachdem ich selbst gute 50 Musizierwochen auf dem Buckel habe, als Teilnehmerin und Referentin in der Steiermark, in Kärnten und in Niederösterreich und mehr als ein Viertel Jahrhundert als Leiterin der Niederösterreichischen Musikantenwoche/Volkskulturwoche in Großrußbach, auf der Raach, in Lunz am See, in Zeillern, in Ysper und in der Unterleiten, weiß ich um die Faszination und die Leidenschaft für das freie Musizieren „ohne Noten“.

Noten gab es meist im Nachhinein, als Erinnerungshilfe bzw. Nachlese. Eine ganze Woche lang am selben Ort, mit denselben Teilnehmerinnen, Teilnehmern, Referentinnen und Referenten die Zeit mit gemeinsamem Üben und lustvollem Musizieren zu verbringen, muss erlebt werden. Darüber kann man nicht schreiben. Ich würde sagen, unwiederbringliche positive Erlebnisse und Erfahrungen, die prägen und ein Leben lang begleiten.

Nicht zu unterschätzen sind die Vorbilder. Einfach gesagt, es ist nicht einerlei, wer unterrichtet. Die Auswahl der Referentinnen und Referenten ist mit hoher Verantwortung verbunden. Hier kann als Vergleich das so genannte „Meisterprinzip“ herangezogen werden. Als Teilnehmerin bin ich dem Lois Blamberger, später dem Rudi Pietsch und der Franziska Stockhammer kaum von der Seite gewichen. Wenn die Referentinnen und Referenten am Abend aufspielten und wir uns dazusetzen und „mitfiddeln“ durften – die Melodien richtig und falsch spielen, aussteigen und wieder einsteigen – so war das irgendwie der krönende Abschluss eines Tages. Und wenn sich dann noch ein „Lehrer“ während eines Stücks dir zuwendete und einen Tipp gab, schnell einen Doppelgriff für den Nachschlag zeigte, so ließ das auf Wolken schweben.
Am nächsten Tag womöglich schon konnte man auf einmal im Nachschlag den Harmoniewechsel richtig setzen, eine Unter- oder Über-, oder sogar eine dritte Stimme ohne zu denken, ganz automatisch und frei dazuspielen oder -singen. Die Musiktheorie spielte zunächst keine Rolle – es ging vorrangig um den musikalischen Instinkt. Beides ist jedoch wichtig.

Am Ende der Woche wird das Erlernte präsentiert.
© Volkskultur Niederösterreich

 

Die Prinzipien von einst sind die gleichen. Es geht um das musikalische Gemeinschaftserlebnis. Das Gehörte ohne Noten umsetzen, am Instrument und mit der Stimme. Das braucht Zeit und die schon erwähnte Wiederholung und für beides ist bei einer Musikantenwoche Platz. Petra Humpel, die Leiterin der Niederösterreichische Musikantenwoche in der Unterleiten seit 2019, steckte sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen folgendes Ziel: „Unser Herzensanliegen ist es, die Kinder, Jugendlichen und Familien am Instrument weiter zu bringen, die Leidenschaft für die Volksmusik zu übertragen, aber vor allem auch Musikantinnen, Musikanten und Persönlichkeiten zu formen. Wertevermittlung ist wichtiger denn je! “

Eine naturnahe Umgebung gehört dazu. © LFS Unterleiten

Volkskultur und damit auch die Volksmusik sind eine Art „Lebensmittel“, eine Art „Lebenseinstellung“. Zu einer gelungenen Musikantenwoche gehören demnach auch ein saisonales, regionales Essen, eine naturnahe Umgebung, ein gepflegtes Miteinander-Umgehen, aufeinander Rücksichtnehmen und gegenseitiger Respekt. Ich bin sicher, in der Unterleiten und in vielen anderen schönen Gegenden, die Musizierwochen zu Gast haben, werden diese zeitlosen Werte immer wieder aufs Neue gelebt und erlebbar gemacht.

Dorli Draxler
Mai 2025

Hinweis:
45. Musikantenwoche der Volkskultur Niederösterreich, Sonntag 13. Juli bis Feitag 18. Juli 2025, Hollenstein an der Ybbs, Fachschule Unterleiten.
Anmeldeschluss, Montag, 30. Juni 2025.
Information und Anmeldung:
Sabine Schwerdtner, Telefon 0676 884 05 104, weiterbildung@volkskulturnoe.at, www.volkskulturnoe.at