In Österreich hat das Krippenspiel eine lange und vielgestaltige Tradition. Von den Salzburger Hirten- und Krippenspielen über das historisch bedeutende Steyrer Kripperl bis hin zu den in vielen Regionen lebendig erhaltenen Tiroler Krippenspielen reicht die Vielfalt der Formen, in denen die Weihnachtsgeschichte erzählt, gesungen und gespielt wird.
In Niederösterreich ist das „Traismaurer Kripperl“ wohl allen ein Begriff – ein Stabpuppenspiel, das seit über zwei Jahrhunderten unverändert im Herzen Niederösterreichs verankert ist und heute als das bekannteste und zugleich einzigartigste seiner Art gilt. Wenn sich im Advent in Traismauer der Vorhang des hölzernen Krippenkastens hebt und die kunstvoll gearbeiteten Stabpuppen zu sprechen beginnen, dann öffnet sich ein Fenster in eine vergangene Zeit.
Das Spiel greift Szenen des biblischen Weihnachtsgeschehens auf – und verbindet sie mit humorvollen, weltlichen Episoden. Seit 1998 ist die „Krippenspielschar“ in den Gesangsverein „ Traismauer 1862“ integriert worden. Ab diesem Zeitpunkt übernahm Gotthard Klaus den Vorsitz im Gesangsverein und Gernot Hadwiger die Funktion als Chorleiter. Aktuell wirken bis zu 30 Personen bei einer Aufführung mit. Im November 2021 wurde das Traismaurer Krippenspiel im UNESCO Kulturerbeverzeichnis Österreich aufgenommen.
Seinen Anfang nahm das Traismaurer Krippenspiel im frühen 19. Jahrhundert. Als Begründer gilt Ferdinand Scheibl, der aus einer Handschuhmacherfamilie stammte. Es diente nicht nur der Verkündigung der Weihnachtsgeschichte, sondern lebte ebenso von Liedern und pointierten Figuren.
1810 erhielt das Krippenspiel durch Ferdinand Scheibl seine bis heute der Aufführung weitgehend zugrunde liegende Textfassung, wie sie in der 1920 von Raimund Zoder herausgegebenen Publikation „Das Traismaurer Krippenspiel“ dokumentiert ist.
Handwerk am Beispiel Traismauer
Das Traismaurer Kripperl ist ein meisterhaftes Beispiel für die Handwerkskunst des Stabpuppenspiels. Es wird mit großem handwerklichem Können und mit viel ideellem Einsatz getragen. Die Figuren, Kulissen und der hölzerne Krippenkasten werden seit Generationen gepflegt, restauriert und mit Respekt behandelt.
Organisiert wird das Spiel vom Gesangsverein Traismauer 1862, dessen Mitglieder als Puppenspieler, Musiker, Sänger, Chronisten und Organisatoren wirken – allesamt ehrenamtlich. Die Weitergabe des Wissens erfolgt von Hand zu Hand: Rollen, Bewegungsabläufe, Dialektfärbungen und der feine Rhythmus zwischen Figur und Stimme werden an jüngere Mitspielende weitergereicht.
Zwischen Andacht und Heiterkeit
Über 28 Lieder erklingen in den Aufführungen des Traismaurer Kripperls, geistliche wie weltliche Melodien, wie sie im 18. Jahrhundert im Volk verbreitet waren. Neben barocken Krippenliedern erklingt etwa das bekannte „Auf, auf, auf ihr Hirten“, das seit Generationen Teil des niederösterreichischen Liedrepertoires ist.
Während das Spiel Mitte des 20. Jahrhunderts zeitweise eher besinnlich dargeboten wurde, kehrte es in den letzten Jahrzehnten wieder stärker zu seiner ursprünglichen Lebendigkeit zurück. Heute wird das Publikum verstärkt beim Mitsingen eingebunden – ein Moment, in dem Kinder, Erwachsene und Ältere gleichermaßen Teil des Geschehens werden. Das Kripperl ist damit nicht nur ein Schauspiel, sondern ein gemeinschaftlicher Akt, der Stimmung, Nähe und Zusammengehörigkeit schafft.
Längst ist das „Traismaurer Kripperl“ im kulturellen Jahreslauf Traismauers verankert. Die Aufführungen im Schloss Traismauer gehören in der Vorweihnachtszeit zum Fixpunkt, ergänzt um Gastspiele in der umliegenden Region. Doch im Kern ist es ein Gemeinschaftswerk, getragen von Menschen aus Traismauer und Umgebung, die ihre Zeit, ihr Können und ihre Freude daran unentgeltlich einbringen.
“Krippenspiel-Land“ Niederösterreich
Während das „Traismaurer Kripperl“ mit seiner 200-jährigen Geschichte das mit Abstand bekannteste Krippenspiel im Bundesland ist, hat Niederösterreich quer durch alle Regionen und Gemeinden eine Tradition kirchlicher und lokaler Krippenspiel-Aufführungen zur Weihnachtszeit, einige mit Puppen, andere mit Laiendarstellerinnen und Darstellern.
In Pfarren, Stadt- oder Gemeindecafés oder bei Veranstaltungen wie dem Advent in Stein in Krems, wo der Wachauer Trachten- und Heimatverein jedes Jahr ein Krippenspiel gestaltet.
Denkt man an ein historisches Puppenspiel, so muss in Niederösterreich auch das St. Pöltner Krippenspiel Erwähnung finden, dem das Museum am Dom bis 1. Februar 2026 die Ausstellung „Himmel, Hölle und Heilige Nacht“ widmet. Ein besonderer Tipp: Am 31. Jänner 2026 um 16.00 Uhr gibt es ein Gastspiel des Traismaurer Krippenspiels – bei freiem Eintritt!
Die Ausstellung zeigt die historischen und liebevoll restaurierten Figuren und ihre markanten Eigenheiten. So stehen hier Adam und Eva am Anfang der Geschichte, verkörpert durch liebevoll verzierte Theaterpuppen. Auf heitere Weise erzählen sie von der Verkündigung an Maria, der Geburt Christi und der Flucht nach Ägypten. Im Wechselspiel werden die religiösen Elemente von Späßen konterkariert, die bis heute bei Groß und Klein für Lacher sorgen. Auch in den eingestreuten Liedern kommt der Humor nicht zu kurz.
Der „Tod“ tritt im St. Pöltner Krippenspiel ebenfalls auf, als Gerippe auf einem Pferd, und straft König Herodes für die Ermordung der männlichen Kleinkinder. Auch hier liegen Andacht und Heiterkeit aber nah beieinander, denn es gibt auch auflockernde Elemente, wenn etwa eine gestresste Magd bei Maria Verkündigung Wasser aus einem Schaffel schüttet.
Die Lieder wurden für das Museum am Dom neu aufgenommen beziehungsweise von der Volkskultur Niederösterreich zur Verfügung gestellt. Sie sind in der Ausstellung zu hören und neben den Originalobjekten kann man auch Videos mit bewegten Puppen bestaunen.
Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, in die Welt der niederösterreichischen Krippenspiele einzutauchen, dann sind Traismauer und St.Pölten eine Reise Wert – nicht nur in der Vorweihnachtszeit.
Foto 1(Header) und Foto 3 zVg Stadtgemeinde Traismauer
Fotos 2,4,5, © Gotthard Klaus
Fotos 7-8 © Museum am Dom
Quellen:
St. Pöltner Krippenspiel:
Artikel Kirche-bunt
ORF-Berichterstattung
https://noe.orf.at/magazin/stories/3332619/
Ausstellungsseite:
https://www.museumamdom.at/&ts=1765467433193
Artikel der DSP:
https://www.dsp.at/portal/begegnen/presseundaktuelles/artikel/article/5037.html&ts=1765466572642
Seite der Stadt St.Pölten:
https://www.st-poelten.at/news/19733-museum-am-dom-ausstellung
Traismaurer Kripperl:
Bewerbungsschreiben um Aufnahme des „Traismaurer Krippenspiels“ in das Österreichische Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO, vom 21. Mai 2021, Prof. Dr. Edgar Niemeczek.
Darin herangezogene / zitierte Literatur:
Raimund Zoder: Das Traismaurer Krippenspiel, Wien 1920
Otto Lambauer: Das Traismaurer Krippenspiel – Geschichte und Aufführungspraxis, Hausarbeit im Fach musikalische Volkskunde an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Wien 1981
Werner Galler: Weihnachten in Niederösterreich, St. Pölten 1977
Walter Deutsch: Anmerkungen zum Traismaurer Krippenspiel, Vortragsmanuskript, Traismauer 1992
Walter Deutsch: Lieder und Weisen zum Weihnachtsfestkreis, Mödling 1978
Volkskultur Niederösterreich: Das Traismaurer Kripperl. Eine 200-jährige Tradition. Atzenbrugg 2003
Empfehlungsschreiben zur Bewerbung um Aufnahme des „Traismaurer Krippenspiels“ in das Österreichische Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes von Dr. Helga Maria Wolf, Mai 2021
Darin herangezogene / zitierte Literatur:
Emil Karl Blümml und Gustav Gugitz: Alt-Wiener Krippenspiele. Wien 1925
Werner Galler: Weihnachten in Niederösterreich. St. Pölten 1977. 32 ff.
Jeanette Hammer: Zeitreise durch Jahrtausende, in „Forum Museum“ 8/2008
Jeanette Hammer: 200 Jahre Traismaurer Krippenspiel, in „Forum Museum“ 2/2010
Leopold Schmidt: Das deutsche Volksschauspiel…. Berlin 1954. S.80
Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich. Horn 1972. 11/565
Raimund Zoder: Das Traismaurer Krippenspiel. Wien 1920
Informationen von HR. Wilhelm Hellmann, Museum Traismauer (1995) und Gotthard Klaus (2021)
Stadtgemeinde Traismauer:
https://www.traismauer.at/Stadt/Geschichte_Sehenswuerdigkeiten/Traismauer_Krippenspiel

