SINGvögel

Rotkelchen
(c) Pixabay Siegfried Pöpperl

Vogelstimmen und Vogel(ge)sang wirken sich nachweislich positiv auf das menschliche Wohlbefinden aus. Bei meinen morgendlichen Wanderungen in die Weinberge bin ich förmlich eingehüllt in das Vogelgezwitscher. Unglaublich, wie anspruchsvoll sich der Vogelsang anhört, versucht man sich musikalisch zu nähern. Jede Vogelart besitzt ihre eigene „Melodie“, wenn man das so nennen darf und beginnt ihr Konzert zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt.

Das Vogelgezwitscher entfaltet sich im Frühjahr am intensivsten, April bis Juni. In der Regel singen die Männchen, um die Weibchen anzulocken. Es geht aber auch darum, das eigene „Revier“ abzustecken bzw. vor „Feinden“ zu warnen oder auf Futter hinzuweisen.
Ist der Nachwuchs geschlüpft, wird den Jungen vorgesungen, damit sie den Vogelsang richtig erlernen können.

Vogeluhr.
Uhrzeitmäßig wird bereits vor Sonnenaufgang mit dem Vogelsang begonnen.
Im Folgenden eine Reihenfolge, erstellt vom Naturschutzbund Deutschland, kurz NABU.

1. Gartenrotschwanz: 80 Minuten vor Sonnenaufgang.

2. Hausrotschwanz: 70 Minuten vor Sonnenaufgang.

3. Rauchschwalbe: 60 Minuten vor Sonnenaufgang.

4. Singdrossel: 55 Minuten vor Sonnenaufgang.

5. Rotkehlchen: 50 Minuten vor Sonnenaufgang.

6. Amsel und Mönchsgrasmücke: 45 Minuten vor Sonnenaufgang.

7. Zaunkönig: 40 Minuten vor Sonnenaufgang.

8. Blaumeise und Zilpzalp: 35 Minuten vor Sonnenaufgang.

9. Kohlmeise: 30 Minuten vor Sonnenaufgang.

10. Stieglitz: 20 Minuten vor Sonnenaufgang.

11. Grünfink und Erlenzeisig: 15 Minuten vor Sonnenaufgang.

12. Haussperling, Star und Buchfink: 10 Minuten vor Sonnenaufgang.

Fotos: www.nabu.de

Angemerkt sei weiters, dass Regengüsse und heftiger Sturm den Vogelsang weitgehend einschränken bis ganz verstummen lassen. Das Singen verbraucht Energie und bei Schlechtwetter funktioniert die Schallübertragung schlecht. Extreme Hitze und extreme Kälte machen die Vögel – gleich anderen Lebenswesen – müde. Das Zwitschern wäre also zu anstrengend.

Symbolik.
Bestimmte Vogelarten verkörpern Gedanken und Sehnsüchte. Sie transportieren kulturelle Aspekte und vermitteln zwischen den Welten – beispielsweise zwischen Himmel und Erde. Als fliegende Boten agieren sie zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen, was aber in erster Linie bei Naturreligionen oder bei den Schamanen zu finden ist. Tauben (gru-gruuh) stehen sehr oft für den Frieden, Eulen (buhu) für die Weisheit und der Adler (ein sanftes wi-wi) als „König der Lüfte“ für göttliche Energie, Macht und Freiheit. (Obwohl die genannten Beispiele nicht zu den Singvögeln gehören, geben sie markante Töne, Laute bzw. Geräusche von sich!)

Singvögel verfügen über einen Stimmkopf, genannt Syrinx. Das ist ein so genanntes Lautbildungsorgan, das am unteren Ende der Luftröhre sitzt. Die Töne entstehen durch die Schwingung von Membranen beim Ausatmen der Luft. Diese Membranen werden durch kleine Muskeln unterschiedlich gespannt. Dadurch ist das Spektrum  der Laute so breit gefächert. Überdies kann durch die getrennte Steuerung des Stimmkopfs, also links und rechts, zweistimmig geträllert werden.
Anders als beim Menschen, verfügen Vögel über keine Stimmbänder.

Gerade die Vogelwelt liefert seit Menschengedenken Stoff für Märchen und Sagen. Beispielsweise „Der Zaunkönig“, gesammelt und herausgegeben von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm in den Jahren 1812 bis 1858. Zahlreiche Zuschreibungen, etwa „Du bist ein bunter Vogel“ (eine Person, die auffällt und unkonventionell agiert) oder Sprichwörter „Das pfeifen ja schon die Spatzen von den Dächern“ (ein offenes Geheimnis, ein Sachverhalt ist längst bekannt) sowie „Weiß der Kuckuck“ (keine Ahnung, das weiß niemand), gehören in den selbstverständlichen Sprachgebrauch.

Lieder.
Der Kuckuck zählt zwar nicht direkt zu den Singvögeln, – diese sind in der Ornithologie (Vogelkunde) bei den Sperlingsvögeln erfasst –  sondern zur Ordnung der Kuckucksvögel. Dennoch ist sein Ruf allgemein bekannt: der Kuckucksruf, die kleine Rufterz (kuck-kuck), die für die Kinderliedmelodik so typisch ist.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874) verfasste den Text nach der Melodie einer niederösterreichischen Volksweise, genau genommen ebenfalls ein Kinderlied: „Stieglitz, Stieglitz, ´s Zeiserl is krånk. Gehn ma zum Båder, låß ma eahm Åder, Stieglitz, Stieglitz, ´s Zeiserl is krånk“. In der zweiten Strophe heißt es: „Stieglitz, Stieglitz, ´s Zeiserl ist krånk. Reiß ma eahm a Federl aus, måch ma eahm a Betterl draus, Stieglitz, Stieglitz, ´s Zeiserl is krånk“. (Worterklärungen: 1. Båder. Arzt der kleinen Leute. 2. Åderlaß bedeutet Blutabnahme aus der Vene. 3. Mit dem Zeiserl ist der gelbgrüne Erlenzeisig gemeint, ein Singvogel, der zur Familie der Finken gehört.)

Quelle: Goertz/Haid, Die schönsten Lieder Österreichs, S. 160.

Quelle: „Die Vogelhochzeit“, Goertz/Haid, S. 158. Der Text ist bereits im 16. Jahrhundert bekannt.

Bekannt als Schullied seit Generationen, ist das ebenfalls von Hoffmann von Fallersleben getextete Lied „Alle Vöglein sind schon da“, nach einer schlesischen Volksweise.

Quelle: Draxler/Scheiber, Liederösterreich, S. 29.

Vögel stehen in den Liedern vielfach für die Sehnsucht nach der Liebe: 1. Wenn ich ein Vöglein wär´ und auch zwei Flügel hätt´, flög ich zu Dir. Weil ´s aber nicht kann sein, weil ´s aber nicht kann sein, bleib´ ich allhier“. 2. Bin ich gleich weit von Dir, bin doch im Schlaf bei Dir und red´ mit Dir. Wenn ich erwachen tu´, wenn ich erwachen tu´, bin ich allein. 3. Es vergeht keine Stund´ in der Nacht, dass nicht mein Herz erwacht und an Dich gedenkt. Wie Du mir vieltausendmal, wie Du mir vieltausendmal Dein Herz geschenkt.

Oder: „Kommt ein Vogerl geflogen“.
Und schließlich eine von „uns“ zurechtgesungene Melodievariante des Liedes „Kommt ein Vogel, Vogel hergeflogen“, vorgesungen von wolgadeutschen Frauen 1958. Die Originalaufnahmen befinden sich im Volkskunde-Tonarchiv von Freiburg im Breisgau.

Quelle: Spontan-Lebendig-Traditionsbewußt 1993, S. 6. Aus dem Gedächtnis niedergeschrieben: Dorli Draxler. 

Ein kleiner Sidestep zu einer zeitgenössischen Komposition für Blockflöte Solo:
Der deutsche Blockflöten Virtuose Hans Martin Linde, geboren 1930 schuf ein wegweisendes Stück für moderne Blockflötenmusik: die Erweiterung der klanglichen Möglichkeiten, umgesetzt mit modernen Möglichkeiten der Blockflötentechnik:
„Music for a bird“.

YouTube LINK: https://www.youtube.com/watch?v=WQw1C1ZO3IM

Fazit.
Vogelstimmen, die Auseinandersetzung damit ist eine faszinierende Thematik.
Weltweit soll es mehr als 10.000 Vogelarten geben (in Österreich sind ca. 450 Vogelarten nachgewiesen), beinahe die Hälfte zählt zu den Singvögeln. Diese besitzen einen speziellen Stimmkopf (Syrinx). Zahlreiche Lieder befassen sich mit den „fliegenden Boten“ zwischen Himmel und Erde oder für zwischenmenschliche Gefühle – vorzugsweise Kinder, Liebes- und Abendlieder. Viele Redewendungen, Sprichwörter und Zuschreibungen nehmen auf die Vogelwelt Bezug: „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ – was soviel heißt wie „rechtzeitig beginnen, um seine Aufgabe erfüllen zu können bzw. Erfolg zu haben“.

Dorli Draxler
April 2026

Chorszene Niederösterreich – Veranstaltungshinweis:
Lange Nacht der Chöre
Mittwoch, 13. Mai 2026, Altstadt Krems an der Donau
:
19.30 Uhr – 22:15 Uhr: 50 Kurzkonzerte auf 10 Indoor-Bühnen.
22.30 – 23.00 Uhr: festlicher Abschluss rund um die Open-Air-Bühne am Pfarrplatz Krems-St. Veit mit allen Beteiligten und dem Publikum.

Allgemeiner Hinweis:
Informationen zu Liedern, Liederbüchern und Noten erhalten Sie im Volksliedarchiv der Volkskultur Niederösterreich. www.volkskulturnoe.at
E-Mail archiv@volkskulturnoe.at Telefon +43 2742 9005 12878.


Ausschnitt aus dem Notenbild „Vigerl, Vogerl singans in Wåld“, Fensterllied aus Niederösterreich (Liederösterreich S 211 f).