Geschichtenerzähler
Es gibt viele gute Gründe sich für Märchen zu begeistern. Sei es, dass sie das Kind in uns wecken, sei es, dass sie meist ausgesprochen witzig, unterhaltsam und fantasievoll sind. Märchen sind Teil der österreichischen Folklore und tief in unserer Kultur verankert. Für Helmut Wittman sind Märchen seit 33 Jahren seine Berufung. Er beschäftigt sich mit Überlieferungen von Erzählungen aus dem europäischen Osten und der orientalischen Sufi-Tradition. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit sind die alpenländischen Volks- und Zaubermärchen, die er Märchenbegeisterten von 7 bis 99 bei verschiedensten Veranstaltungen näherbringt.
Aber was fasziniert ihn so an der Materie? Mitunter die Tatsache, dass diese Erzählungen uralt sind, aber trotzdem auch heute noch etwas zu sagen haben. Für Wittmann liegt das an ihrer schlichten, aber eindringlichen Weisheit. Sie erzählen uns von markanten Abschnitten aus dem Leben ihrer Heldinnen und Helden. Seien sie einfältig wie ein „Ofenhocker“, reich und schön wie eine Prinzessin, arm und unattraktiv wie ein Sauhirt oder unschuldig wie das „Rothüterl“. Dies seien archetypischen Gestalten und böten gerade deshalb großes Identifikationspotential.
Da will Altes neu belebt werden: Die Söhne machen sich auf, um für den Vater das Wasser des Lebens zu holen. Andere wieder werden mit harten Wirklichkeiten konfrontiert – siehe das Tiroler Zaubermärchen „Vom Zistl im Körbl“, „Die siebenschöne Juliska“ aus Ungarn oder das so bekannte „Hänsel und Gretel“. Wieder andere stellen die Sinnfrage, wie in der Geschichte „Von Einem, der auszog, um mit seinem Schicksal zu reden“. Die einen machen sich aus freien Stücken auf, die anderen tun dies aus Not. Oft werden sie gar mit aller Gewalt dazu gedrängt.
Alle Heldinnen und Helden haben aber eines gemeinsam: Sie ziehen aus, um ihr Glück zu finden. Diesem Tatendrang wohnt mutmachendes Potential inne, das auch aus psychologischer Sicht interessant ist.
Analysiert man das Verhalten von Märchenheldinnen und -helden auf ihre Verhaltensmuster, so finden sich keine Grübler und Sinnierer. Ihre Gedanken und Überlegungen werden uns so gut wie nie mitgeteilt. „Ihr Wesen drückt sich vielmehr in ihren Handlungen aus.“ meint Helmut Wittmann. „Und in all dem, was sie für sich wählen, entscheiden und tun, sei es dumm oder weise, einfältig oder voller Raffinesse, erkennen wir uns wieder.“
Ganz sei dabei aber auch, dass das Märchen Lösungen aufzeigt. Herausforderungen werden bewältigt, Widrigkeiten überwunden, Reifeprozesse finden statt. Immerhin sind viele dieser Überlieferungen schon hunderte von Jahren alt. Von Generation zu Generation wurden sie weitererzählt.
„So sind sie immer und immer wieder von Mund zu Ohr, von Kopf zu Herz gegangen“ so Wittmann, und wer genau hinhört, dem erzählen Märchen auch etwas sehr Aufbauendes über die Möglichkeit, seines Glückes Schmied zu sein. „Der Sauhirt kann immer noch König werden, der Ofenhocker ein Held, das Aschenputtel eine Königin. Das ist die Botschaft zwischen den Worten.“
Nicht um romantisch-nostalgische „G’schichtln“ gehe es bei den Märchen, sondern um mentale Werkzeuge zur Selbstbestimmung und Persönlichkeitsentwicklung. Und mal ehrlich: Wer von uns kann die nicht gut brauchen?
Wer Helmut Wittmann einmal persönlich erleben möchte, hat nächsten Monat Gelegenheit dazu, denn von 19. Juli auf 20. Juli erwartet uns mit der Sommernacht der Märchen ein ganz besonderes Event für Märchenfreunde von 7 bis 99 Jahren im Brandlhof in Radlbrunn. Helmut Wittmann hat vom Kruzimugeli, der Jungfrau am gläsernen Berg bis zum Wunderschimmel Zaubermärchen, Volksmärchen und Sagen aus dem Wein- und Waldviertel im Gepäck.
Musikalisch begleitet wird der Märchenerzähler von Momo Heiß, die ihre Naturinstrumente mitbringt und im Dialog mit Helmut Wittmann spürbar macht, wo Worte Wunder wirken. Nach dem Abendessen geht es hinaus auf einen Spaziergang.

Da und dort wird Halt gemacht, musiziert und erzählt. Vor der Geisterstunde werden all jene verabschiedet, die nicht im Zelt im Brandlhof nächtigen. Für die Märchenfreunde mit Zelt gibt es nach einem mitternächtlichen Imbiss ein, zwei Gute-Nacht-Geschichten.
Am Sonntagmorgen klingt die lange Nacht der Märchen mit einem herzhaften Frühstück und natürlich der einen oder anderen Überlieferung aus. Hier können Sie sich näher informieren und anmelden.
