
(c) Volkskultur Niederösterreich
Englischer Gruß
Glocken sind in der christlichen Kirche seit dem 4./5. Jahrhundert gebräuchlich als klingende Unterstützung der Verbreitung der christlichen Botschaft, und auch ganz praktisch, um die Gebetszeiten zu verkünden.
Aber jedes Jahr nach dem Gloria der Gründonnerstagsliturgie schweigen sie, da in dieser Zeit der Trauer zwischen dem Tod Jesu am Karfreitag und seiner Auferstehung in der Osternacht der feierliche Ton der Glocken nicht passend schien. Allgemein heißt es, die Glocken flögen in dieser Zeit nach Rom.

Ratschen
Stattdessen gehen Kinder mit Ratschen durch den Ort. Seit 2015 ist das Ratschen in Österreich von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt, was die große kulturelle Bedeutung dieses Osterbrauchs noch unterstreicht.
Lärminstrumente bei Ritualen findet man in vielen Religionen und zu allen Zeiten. Die Tradition des Ratschens lässt sich in der christlichen Kirche bis ins 6. bis 7. Jahrhundert zurückverfolgen. Ab dem Mittelalter, konkret ab dem 13./14. Jahrhundert, ersetzte das Ratschen das Läuten der Kirchenglocken in der Karwoche, um die Gläubigen während der drei heiligen Tage (Triduum Sacrum) die Andachts- beziehungsweise Gottesdienstzeiten anzukündigen. Ursprünglich übernahmen diese Aufgabe die Messdiener, die mit den Ratschen durch die Orte zogen und zu festgelegten Zeiten ratschten. Seit dem 18. Jahrhundert ist das „Ratschengehen“ durch die örtliche Jugend belegt.
Neben der liturgischen Funktion entwickelte sich das Ratschen zu einem eigenständigen Brauch, der heute eng mit der Kinder- und Jugendkultur verbunden ist. Die katholische Jungschar hat sogar einen Leitfaden zum Ratschen online gestellt: https://www.jungschar.at/jahreskreis/ratschen
Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß
den jeder katholische Christ beten muss.
Fallts nieder, fallts nieder auf enkere Knie,
bets a Vater Unser und drei Ave Marie.
Neben zahlreichen anderen Varianten im COMPA-Band 16 (Corpus Musicae Popularis Austriacae, Volksmusik in Niederösterreich, Sprüche, Spiel und Lieder der Kinder) von Anton Hofer aus dem Jahr 2004, zu finden.

Waren die „Ratscherbuam“ früher die Ministranten der Pfarre und deshalb ausschließlich Burschen, so sind seit Ende des 20. Jahrhundert auch Mädchen als Ministrantinnen in der Kirche und ebenso beim Ratschen aktiv. Heute sind meist alle Kinder eines Ortes eingeladen, sich zu beteiligen.
Die „Ratscherkinder“ gehen morgens, mittags und abends unter der Leitung eines Vorratschers oder Korporals durch die Dörfer und Ortsteile und rufen mit ihren schnarrenden, lärmenden Ratschen und dem sogenannten „Englischen Gruß“ zum Gebet.
Je nach Region und manchmal auch je nach Pfarre rezitieren die Kinder ähnliche, aber doch unterschiedliche Sprüche.


Die Bezeichnung „Englischer Gruß“ entwickelte sich aus dem Angelusgebet „Engel des Herrn“, zu dem üblicherweise um 6.00 Uhr, 12.00 Uhr und 18.00 Uhr geläutet wurde. Da sich die Ratschenzeiten an diese Uhrzeiten anlehnen, wurde die Aufforderung zum „Engel des Herrn“ zu beten, schließlich zum „englischen Gruß“.
Am Ende der Karwoche gehen die Ratscherkinder von Haus zu Haus und wünschen ein schönes Osterfest. Dabei erwarten sie auch demütig eine Entlohnung für das frühe Aufstehen und die Mühen des Ratschens. Im Rahmen dieses Heischebrauchs (heischen im Sinne von bitten, verlangen) haben sie auch hier einen Spruch bereit: (zum Beispiel)
„Wir wünschen dem Herrn und da Frau
a schens Osterfest
und bittn um a Ratschagöd
oder um a Oa oder zwoa.“
Neue Ratschenbroschüre von Ernst Ribisch und Anna Gschwandtl „Ratschen. Tradition & Brauch“. Erhältlich bei Ernst Ribisch oder in der volkskultur – Buchhandlung der Regionen, Steiner Donaulände 56, 3500 Krems-Stein.
