Von Dublin ins Kamptal

Schönberg am Kamp (c) Rupert Pessl

Wenn in Irland musiziert wird, braucht es nicht unbedingt eine Bühne. Manchmal genügen ein paar Menschen, vielleicht ein Instrument und jemand, der ein Lied beginnt. Jemand kennt noch eine andere Strophe und stimmt mit ein. Ein anderer erzählt eine Geschichte, der Nächste erinnert sich an eine Melodie. Und irgendwann lässt sich kaum mehr sagen, wo das Konzert aufgehört und das gemeinsame Musizieren begonnen hat. Bei uns in Niederösterreich würde man so eine Zusammenkunft „Bradln“ nennen – in Irland ist es eine „Session“ und gehört zu den charakteristischen Formen irischer Musikkultur.

In Niederösterreich „Bradln“ wir im Wirtshaus mit Geige und Quetschen, in Irland im Pub mit Fiddle und Akkordeon. Und in beiden Fällen ist das soziale Gefüge mindestens genauso wichtig wie das Musikalische. Zuhören, aufeinander reagieren, Melodien aufnehmen und weitergeben. Genau in dieser Welt liegen auch die musikalischen Wurzeln des irischen Singer-Songwriters Shane Ó Fearghail – und seine heutige Heimat. Denn Shane lebt in  der Marktgemeinde Schönberg am Kamp, wo sich Wald- und Weinviertel begegnen und der Kamp die Landschaft prägt. Weinbau gehört hier seit Generationen zum Alltag.

In der rund 400 Jahre alten Alten Schmiede, einst tatsächlich Werkstätte und heute Vinothek, Museum und Veranstaltungsort, treffen Geschichte und Gegenwart aufeinander. Auch die Erinnerung an die klassische Sommerfrische ist lebendig: Mit der Kamptalbahn kamen schon vor mehr als hundert Jahren Gäste aus der Stadt, um hier ihre Sommer zu verbringen. In dieses Umfeld hat Ó Fearghail seine eigene Idee von gelebter Kultur eingebracht. Mit dem Schönberg International Songwriting Festival lädt er internationale Musikerinnen und Musiker ins Kamptal und verbindet Konzerte, Songwriting, Storytelling und persönlichen Austausch.

Alte Schmiede (c) Gemeinde Schönberg

So ist Schönberg für den Dubliner nicht nur Wohnort geworden, sondern auch ein Platz, an dem sich seine irische Vorstellung von Musik als gemeinschaftlichem Erlebnis weiterentwickeln kann.

Eine musikalische Erzählform

Irische Volkskultur auf einige bekannte Symbole zu reduzieren, würde ihr kaum gerecht werden. Sie lebt in Musik und Tanz, in der Sprache, in Bräuchen, im Handwerk – und nicht unwesentlich auch in der mündlichen Weitergabe. Erzählen und Singen liegen dabei oft nahe beieinander.

Eine besondere irische Gesangstradition ist der „sean-nós“, der „alte Stil“: eine stark verzierte, ursprünglich unbegleitete Form des Singens, deren Lieder vielfach in irischer Sprache überliefert werden. Auch heute werden solche Lieder gesungen, gesammelt und an neue Generationen weitergegeben.

Die niederösterreichische Entsprechung des „sean-nós“ ist wohl das heimische „Gstanzl“. Es ist ebenso stark regional geprägt, wird mündlich weitergegeben und kann spontan gedichtet oder verändert werden.

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Irland (c) Linux/pexels Lizenz

Musik als Erinnerungsträgerin spielt auch in Irland eine zentrale Rolle. Sie begleitet Hochzeiten und Begräbnisse, Feste und Zusammenkünfte. Die irische Harfe, seit Jahrhunderten ein nationales Symbol, und die Uilleann Pipes wurden von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Bei beiden  spielt die Weitergabe von einer Generation zur nächsten eine entscheidende Rolle.

Aber wie wir wissen bedeutet Tradition nicht Stillstand, sie ist immer in Bewegung und so hat sich auch die irische Musik immer bewegt. Zwischen Regionen, Generationen und Kontinenten. In Nordamerika trafen irische und schottisch-irische Traditionen auf andere musikalische Kulturen und wurden Teil jener Klangwelt, aus der später unter anderem die Musik der Appalachen hervorging. Menschen wanderten aus und nahmen Lieder, Melodien und Geschichten mit. Womit wir wieder bei Shane Ó Fearghail wären.

Von den Familien-Sessions zum eigenen Song

Ó Fearghail – ausgesprochen ungefähr „O Fa-reel“ – wurde in Dublin geboren und wuchs dort auf. Seine ersten musikalischen Erfahrungen machte er nicht in einem professionellen Studio, sondern zu Hause: bei gemeinsamen Liedern und Sessions mit der Familie.  Zunächst führte ihn sein Berufsweg allerdings in eine andere kreative Welt. Mehr als zehn Jahre arbeitete er international in der Animationsbranche. Wo immer ihn diese Arbeit hinführte, blieb die Musik dabei: Ó Fearghail spielte Solokonzerte und traditionelle irische Sessions, schrieb Lieder und sang. Aus der Musik seiner Heimat entwickelte sich Schritt für Schritt eine eigene Sprache als Songwriter.

Hinter ihm liegen mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Musikbranche, darunter Kontakte und Verträge mit verschiedenen Labels und Verlagen in Europa und Nordamerika. Dennoch ist ihm die Unabhängigkeit als Künstler wichtig geblieben.

Vielleicht passt gerade deshalb das Wort „Folk“ so gut zu seiner Arbeit. Nicht als enges musikalisches Etikett, sondern im ursprünglichen Sinn.

Zwischen Irland, Europa und Appalachia

Das lässt sich besonders deutlich an seinem fünften Studioalbum „Lessons in Light“ hören. Gemeinsam mit seiner Band „The Host“ nahm Ó Fearghail die Musik zwischen Dublin, Passau und Wien auf. Zwölf neue Eigenkompositionen und zwei traditionelle beziehungsweise ältere Stücke führen musikalisch über den Atlantik und beschäftigen sich mit den Verbindungen zwischen Irland, Europa und der Kultur der Appalachen. Damit setzt er einen Weg fort, der bereits im Titel seines vorangegangenen Albums „Born From Tradition“ sichtbar wird: Aus Tradition geboren zu sein bedeutet für Ó Fearghail offenbar nicht, sie unverändert zu wiederholen. Er nimmt ihre Geschichten und Klangfarben mit und setzt sie in einen neuen Zusammenhang. Im Mittelpunkt bleibt dabei der Mensch, der eine Geschichte erzählt.

Gemeinschaft als musikalisches Prinzip

Wer Shane Ó Fearghail auf der Bühne erlebt, begegnet nicht nur einem Sänger und Gitarristen. Er versteht sich auch als Geschichtenerzähler. Zwischen den Liedern darf erzählt und gelacht werden. Die Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum soll möglichst klein werden. Dafür verwendet er in Interviews einen Begriff, der viel über sein Verständnis von Musik verrät: Community, Gemeinschaft oder, wie er selbst sagt, eine „gemeinsame Einheit“. Dieses Prinzip überträgt Ó Fearghail inzwischen auch auf seine kulturelle Arbeit in Österreich. Er ist Mitbegründer des Wiener Schottenfests, engagiert sich seit Jahren in der Singer-Songwriter-Szene rund um den Vienna Songwriting Circle und war an verschiedenen Veranstaltungsformaten für Musikerinnen und Musiker beteiligt. 2019 erhielt er beim Sofia Singer-Songwriting Festival in Bulgarien die Auszeichnung als bester Songwriter.

Ein Stück Irland in Krems-Stein

Am 3. Oktober 2026 führt Shane Ó Fearghails Weg nach Krems-Stein. Unter dem Titel „Irisches Herz, keltische Seele“ ist er um 19.30 Uhr im Haus der Regionen zu Gast. Mit Stimme und Gitarre präsentiert er Folk und zeitgenössische Balladen, Lieder auf Irisch und Englisch sowie Geschichten aus jener musikalischen Welt, aus der er kommt. Und vielleicht sitzt dann im Haus der Regionen eine Person im Publikum, die eine Melodie mit nach Hause nimmt – und damit ein Stück Tradition.

Foto 1: Pixabay, Fotos 2: Rupert Pessl, Foto 3: Gemeinde Schönberg, Foto 4: pexels, Foto 5: Sabine Mann

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