
(c) Sandra Zarbach
Ein Chor ist so gut wie seine Chorleiterin beziehungsweise sein Chorleiter. Und in Niederösterreich ist die Dichte an guten und sehr guten Chören äußerst groß, was jedes Jahr bei der „Langen Nacht der Chöre“ sicht- und hörbar wird. Das liegt am großen Interesse der Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher am gemeinschaftsstiftenden Chorsingen und an den gut ausgebildeten Chorleiterinnen und Chorleitern.
Ein Artikel von Eva Zeindl (Schaufenster Kultur.Region 1 2026) erzählt von zwei sehr unterschiedlichen Chören und ihrem Chor-Alltag:
Viele Stimmen – ein Chorklang
Die Gumpoldskirchner Spatzen und der Gumpoldskirchner Männerchor MACH4 verstehen sich als Kulturbotschafter Niederösterreichs. Ein Einblick hinter die Kulissen.

Donnerstag, 17.15 Uhr – im Foyer der Volksschule Gumpoldskirchen wuseln Kinder herum. Sie plaudern, lassen immer wieder Neuankommende durch die verschlossene Tür und auch die Sessel und Notenständer werden sukzessive immer mehr. Kurz vor dem Beginn der Chorprobe trifft die Chorleiterin ein, das Tempo erhöht sich: schnell werden die Mappen bzw. Tablets vorbereitet, ein letzter Blick aufs Handy geworfen, bevor es in der dafür vorgesehenen „Handygarage“ landet. 17.30 Uhr – pünktlich beginnen sich die Kinder auf die Probe „einzugrooven“. Scharf gesprochene Konsonanten zischen durch den Raum, dazu rhythmische Bewegungen. Das Einsingen hat begonnen.

44 Kinder zählen zu den Gumpoldskirchner Spatzen, zweimal wöchentlich treffen sie einander zur Chorprobe. Der seit 1949 bestehende Kinderchor konnte im Laufe seiner Geschichte zahlreiche Erfolge verbuchen. Aufgrund ihres Mitwirkens bei Produktionen der Staatsoper und anderen Opernhäusern erhielten sie den Beinamen „Wiener Opernkinderchor“. Internationale Tourneen und viele Preise bei Chorwettbewerben sind in die jahrzehntelange Geschichte eingetragen. Mit einem Kinderchor über Jahrzehnte die Qualität zu halten, erfordert einerseits konsequente künstlerische Arbeit und andererseits den Kindern die Freude am Musizieren zu vermitteln. Denn der Klangkörper steht in einer stetigen Erneuerung – jährlich kommen neue Stimmen dazu, während gut geübte und des Repertoires kundige Jugendliche den Chor aufgrund ihres Alters verlassen.
Zurück in der Chorprobe: Knapp 30 Minuten später nehmen die Kinder ihre Plätze ein, aufgeteilt in die Stimmgruppen Sopran, Mezzosopran und Alt. Auffallend ist, dass die kleineren Kinder jeweils neben größeren sitzen. Ein Buddysystem sorgt dafür, dass die Kleinen im Chor ankommen und sich stimmlich an der geübten Stimme daneben anhängen können. Sie sitzen nicht nur nebeneinander, die Zugewandtheit ist während der Probe gut zu beobachten. Die Achtsamkeit, das Aufeinander Hören ist wichtig für den Chorklang, nebenbei wird das sich Zurechtfinden im Chor für die jüngeren Kinder erleichtert. Die Chorleiterin Katja Kalmar stellt das Programm vor, dass in den nächsten Wochen einstudiert wird. Für Wettbewerb Europees Muziek Festival in Belgien bereiten sie den Ziffernjodler vor, einstimmig gesungen. Hier wird die Jury besonders auf den Chorklang achten.
Was versteht man unter einem schönen Chorklang? Gute Intonation in den einzelnen Stimmgruppen und ein sauberes Zusammenklingen der Akkorde sind wesentliche Kriterien für einen schönen Klang. Wird einstimmig gesungen, so ist jede Unsauberheit noch einmal deutlicher zu hören. Die Grundlage dafür sind ein gutes Hörtraining, dass beim Einsingen gut umgesetzt werden kann. Hier muss sich keiner auf den Text konzentrieren, hier wird nur auf die Stimme geachtet, auf die eigene und auf die des Nachbarn.
Das Einsingen spielt beim Chorklang eine wichtige Rolle. Das Aufwärmen, durchaus vergleichbar mit dem Sport, ermöglicht bei der Probe oder dem Auftritt das volle Ausschöpfen des Tonumfangs. Vor allem beim Sopran sind „Höchstleistungen“ gut hörbar, aber jede Stimmgruppe steht hier immer wieder vor Herausforderungen. Langfristig ist es das Ziel die Einzelstimme im Chorgefüge zu verbessern.
Tiefe Stimmen

„Stimmbildung passiert nicht nur am Anfang, sondern bei der ganzen Probe“ – unter diesem Aspekt gestaltet Johannes Dietl die Chorproben mit MACH4. Und der Erfolg gibt ihm Recht. Als er 1978 den traditionsreichen Männergesangsverein mit neun Sängern übernahm, war die Entwicklung so nicht absehbar. 48 Jahre später singen 72 Sänger im Gumpoldskirchner Männerchor ein abwechslungsreiches Programm, von romantischen Liedern des 19. Jahrhunderts über österreichische Volkslieder und internationale Traditionals, Schlager bis zu zeitgenössischen Kompositionen. Wo findet MACH4 all die Männer, die für gemischten Chöre händeringend gesucht werden? Das Einzugsgebiet ist groß. Für die wöchentlichen Proben kommen die Mitglieder von Wiener Neustadt bis Wien nach Gumpoldskirchen. Es ist die Mischung aus Anspruch an Qualität und Geselligkeit, die überzeugt. Die Kontinuität und Verlässlichkeit sind hierbei nicht zu unterschätzen. Die beiden Obmänner, Nikolaus Spörk und Georg Hammerschick heben beide das regelmäßige Chorleben hervor: Gemeinschaft über eine so lange Zeit verbindet, das Repertoire hat einen großen Umfang, sodass auch abseits von Auftritten im Rahmen von geselligen Zusammenkünften gerne und ausgiebig gesungen wird. Dem Chorleiter ist bei der Auswahl des künstlerischen Programms die Herausforderung an den Chor ein Anliegen. Das abwechslungsreiche Programm ist sowohl für den Chor als auch für das Publikum ansprechend. Identifizieren sich die Sänger mit dem Programm, so finden sie auch den Draht zu den Zuhörerinnen und Zuhörern. Die Teilnahme an Chorwettbewerben spornt zu Höchstleistungen an – mehrere Golddiplome bei internationalen Wettbewerben zeugen von der Qualität der Darbietungen – und Chorreisen stärken den Zusammenhalt, ermöglichen Begegnungen und Austausch über kulturelle und ideologische Grenzen hinweg. Als besonderes Highlight sind hier drei Reisen nach China hervorzuheben.

Im Weinort Gumpoldskirchen sind die beiden so unterschiedlichen Chöre daheim – sie tragen ihre Herkunft auch im Namen – ihr Wirkungskreis geht aber weit über den Ort hinaus. Nicht zuletzt wegen der jahrzehntelangen kontinuierlichen Chorarbeit kommen die Sängerinnen und Sänger auch aus einem weiteren Umkreis. Der Anspruch an die Qualität bei den Auftritten ist in beiden Fällen sicher ein Pull-Faktor. Trotz intensiver künstlerischer Arbeit, die Spontanität und Freude am Musizieren zu erhalten, war die Philosophie der langjährigen Chorleiterin der Spatzen, Elisabeth Ziegler. Dies ist auch genau der Punkt, der im Gespräch mit Johannes Dietl und Willi Beer von MACH4 eine wichtige Rolle spielt: die Herausforderung für Chorleiterinnen, Chorleiter und Vorstand ist das richtige Maß zu finden, an die oben angesprochene Qualität ebenso wie die sozialen Skills. Denn um das Publikum zu berühren, sollten Sängerinnen und Sänger auch mit dem Herzen dabei sein.
Information:
Gumpoldskirchner Männerchor MACH4
Gegründet 1863 als Gumpoldskirchner Männergesangsverein war er Gründungsmitglied des Österreichischen Sängerbundes. Der Chorleiter des vierstimmigen Männerchors ist Johannes Dietl, dem es als ausgebildeten Musiker und Pädagogen immer wieder aufs Neue gelingt bei den wöchentlichen Proben den 72 Sängern die Freude an der Musik zu vermitteln. Viele Jahre war er auch als Bundeschorleiter in der Chorleiterausbildung tätig.
Das nächste Projekt:
Teilnahme am Chorwettbewerb Praga Cantat, 29. Oktober bis 1. November 2026
www.mach4.at
Gumpoldskirchner Spatzen
Das international bekannte Kinderchorensemble wurde 1949 von dem Chorpädagogen Josef Wolfgang Ziegler gegründet. Neben regelmäßigen Auftritten an verschiedenen Opernhäusern, gab es auch Tourneen nach Japan, China, den USA, Kanada und in viele europäische Staaten. Der Chorleiterin Katja Kalmar ist eine gute Gesangstechnik ein Anliegen, ist sie doch die Grundlage für die weitere stimmliche Entwicklung. Im Moment sind sie im Steinbruch in St. Margarethen bei der Oper „Tosca“ im Einsatz. www.gumpoldskirchnerspatzen.at
Text: Eva Zeindl
Bei Interesse am Chorleiten: Lehrgang chor.leiten elementare
Engagierte Chorsängerinnen und Chorsänger, die in Zukunft selbst einen Chor leiten möchten, sind hier richtig. Beim Basislehrgang chor.leiten elementare lernen Interessierte grundlegende künstlerische, organisatorische und pädagogische Aufgaben innerhalb eines Chores wahrzunehmen. Der Unterricht umfasst Einheiten im Plenum zum Chorleiten und Musiktheorie ebenso wie eigenständig zu organisierende Weiterbildung in Stimmbildung und Klavier. Der Lehrgang findet an mehreren Standorten in Niederösterreich statt. Hier noch anmelden!