
(c) Volkskultur Niederösterreich
Tracht und Mode,
das sind nicht nur zwei Begriffe, sondern auch zwei Welten, die einander durchaus beeinflussen.
Einer Tracht wohnt ein hoher Anspruch inne. Denn Trachten sind im Idealfall von hoher Qualität, was die Stoffe und die Verarbeitung anlangt. Allerdings – auch das ist allgemein bekannt, löste der Trachtenboom, den es in Abständen immer wieder gab und gibt, selbstverständlich ebenso das schnelle Geschäft damit aus: Billigware, hergestellt aus minderwertiger Stoffqualität in Niedriglohnländern, oft auch Schwellenländern. Ähnliches gilt für die Mode. Auch hier sind Qualitätsunterschiede und damit Preisunterschiede von sehr günstig bis sehr teuer zu konstatieren.
Tracht und Mode – ein Dialog.
Für „Sie“ ist das Dirndlkleid. „Er“ trägt Lederhose oder einen Trachtenanzug. Die Oberbekleidung – ein Jäckchen, Gilet, Sakko oder Joppe ergänzen sowohl die Damentracht als auch die Herrentracht.
Die Mode ist eindeutig kurzlebiger als die Tracht. Doch auch diese kehrt wieder, in leicht geänderter Form. Beispielsweise war der sehr ausladende große Blusen- und Hemdenkragen in den 1980er Jahren in Mode. Jüngst sind große Krägen wieder in den modernen Schnitten zu finden.
Gegenwärtige Ansprüche einer vielschichtigen Gesellschaft werden jedoch gleichzeitig mit unterschiedlichen Kleiderstilen bedient. Auf die Frage „Sind gerade enge oder weite Hosen modern?“ ist im Grunde zu antworten: „Enge und weite Hosen sind modern!“.
Schon lange fällt mir auf, dass gewisse Details der Machart sowohl bei den Trachten, als auch in der modernen Textilindustrie zu entdecken sind. Genannt sei die Quetschfalte, der Stehkragen, der Puffärmel oder die Biese.
Zum besseren Verständnis darf ich eine Kurzbeschreibung der genannten Details einfügen:
Eine Quetschfalte ist eine Falte, die nach außen aufgeht. Wenn sie geschlossen ist, stoßen die inneren Stoßkanten aufeinander. Durch den „quasi“ überschüssigen Stoff unterstützt sie die Bewegungsfreiheit. Eine Quetschfalte wird gerne für den Rücken eines Oberteils verwendet – mehrere für das Volumen bei Röcken.
Ein Stehkragen steht aufrecht um den Hals. Ursprünglich war dieser noch nicht am Hemd angenäht, sondern angeknöpft. Dadurch konnte man ihn getrennt reinigen. Im Grunde handelt es sich um ein Stoffband, zwei bis fünf Zentimeter breit, das um den Hals verläuft.
Ein Puffärmel ist ein weiter Ärmel, der an der Schulter gerafft bzw. gefältelt wird. Puffärmel werden meist bei kurzärmeligen Kleidungsstücken eingesetzt oder dreiviertellangen Ärmeln verwendet.
Eine Biese ist eine bis zu einem Zentimeter breite Stofffalte, die nach vorne gebügelt, am Stoff aufliegt. Biesen werden einzeln, häufiger jedoch in zwei, drei und mehr parallel zueinander laufenden Falten genäht. Zum einen dekorieren sie und auf Röcken machen sie das Kleidungsstück schwerer, wodurch der Stoff schöner fällt.
Details in der Tracht.




1. Quetschfalte bei der Trachtenjoppe. 2. Stehkragen beim Niederösterreichischer Landesanzug mit Stehkragen. 3. Dirndlbluse mit Puffärmel. 4. Samtbiesen am Trachtenrock.
Details in der Mode.




1. Regenmantel mit Quetschfalte. 2. Herrenlederjacke mit Stehkragen. 3. Elegante Puffärmelbluse. 4. Kleid mit femininen Biesen.
Bei den Details handelt es sich um Schneiderhandwerk. Daher sei erwähnt, dass sich auch bei den Uniformen, bzw. bei der Berufs- und Standeskleidung diese und andere Details finden.
Künstlerischer Zugang.
Und irgendwann ist mir aufgefallen, dass der deutsche und in Paris lebende Modezar Karl Lagerfeld (1933 – 2019) eine Vorliebe für den Stehkragen hatte. Neben seinem weißen Zopf, der dunklen Sonnenbrille und den fingerlosen Lederhandschuhen, gehörte der Stehkragen (genannt „Vatermörder“) beim weißen Hemd in die Reihe seiner persönlichen Markenzeichen. Einige Kollektionen von Hemden und Jacken mit Stehkragen gingen in Serie.
Im Alpenraum haben sich einige Textilkünstler:innen dem Thema Tracht, Ethno und Mode gewidmet. Dazu zählt die gebürtige Grazerin und Kleidermacherin Magdalena „Lena“ Hoschek, die mit ihrem „Vintage Stil“ bekannt wurde und mit dem charakteristischen „Bänderrock“ den internationalen Durchbruch schaffte.

www.lenahoschek.com
Die aus Linz stammende Modedesignerin Susanne Bisovsky machte mit ihrem „Wiener Chic“ auf sich aufmerksam. Das Museum für angewandte Kunst in Wien hat mehrfach Ausstellungen ihrer Textilkunst in sein Programm aufgenommen. Berühmt wurde sie durch ihre avantgardistische Interpretation von österreichischen Trachten.

www.bisovsky.com
Die in München lebende Modedesignerin Lola Paltinger definiert im Rahmen ihrer schöpferischen Tätigkeit das klassische bayrische Dirndl neu und grenzt es bewusst von den traditionelle Trachten ab. Daneben etablierte sie den Label „Himmelblau by Lola Paltinger“.

Allen dreien gemeinsam ist der Unterricht bei bzw. die Zusammenarbeit mit der britischen Modeschöpferin Vivienne Westwood (1941 – 2022). Vievienne Westwood kam auch mit der Volks- und Trachtenkundlerin Gexi Tostmann in Kontakt. Sie lernten einander bei einem Konrad Mautner Symposium in Bad Aussee kennen. Diese Fachdiskussion war damals kontroversiell angelegt – so genannte Trachtengegner diskutierten mit Befürwortern. Zu zweiteren gehörte auch Westwood. Damals ging ihr aufrüttelndes Zitat durch alle Medien: „Würden alle Frauen Dirndl tragen, gäbe es keine Hässlichkeit mehr auf der Welt“.
Durch Vievienne Westwoods Wertschätzung den Trachten gegenüber wurde also ein gewisses Umdenken bei den Jungen und bei den Kritikern hervorgerufen.
Zwischen dem Hause Tostmann und dem Modedesignerpaar Vivienne Westwood & Andreas Kronthaler entwickelte sich Zusammenarbeit und Freundschaft. Eine dem Dirndl angelehnte Kollektion wurde 2017/18 in Paris präsentiert.
Gegensätzliches und Gemeinsames zu suchen, das gehört zur Philosophie von Gexi Tostmann. Kein Wunder, dass sie und ihre Tochter Anna, die Auszeichnung „Botschafter der Tracht 2010“ zum einen an die Avantgardisten Vievienne Westwood & Andreas Kronthaler (Emilie Flöge Preis) und zum anderen an die Goldhaubenobfrau in Oberösterreich, Martina Pühringer (Konrad Mautner Preis) verliehen haben.

Emilie Flöge Preis an Westwood & Kronthaler. Konrad Mautner Preis an Martina Pühringer.
Der niederösterreichische Landesanzug.
Am Beispiel der Erneuerung des niederösterreichischen Landesanzugs lässt sich die Inspiration durch Mode und Ästhetik gediegen aufzeigen.
Anfang der 2000er Jahre initiierte der damalige Landeshauptmann von Niederösterreich, Erwin Pröll die Erneuerung des bestehenden niederösterreichischen Landesanzugs. Dieser war „in die Jahre gekommen“, die blaugrauen Farben und der antiquierte Schnitt luden kaum ein, dieses Gwandl fortan gerne zu tragen. Im Zuge des Aufschwungs der Regionen und vor dem Hintergrund eines vitalen Landesbewusstseins konnten Gexi Tostmann (Tostmann Trachten), Alfons Schneider (Firma Schneiders) und ich (Volkskultur Niederösterreich), an einer Erneuerung arbeiten. Es war nicht einfach, dem Grundsatz „Mit Vielfalt eine Einheit garantieren“ gerecht zu werden. Denn eines war klar: Wir wollten keine Uniform „verordnen“. Wir nahmen uns die gebotene Zeit und so konnte nach einigen Fachrunden der neue niederösterreichische Landesanzug vorgestellt werden.
Folgende Erfordernisse wurden festgelegt:
Farbe: Blautöne, Grüntöne für Kragen und ev. Besatz.
Material: Wollstoffe, Loden, Leinen.
Schnitt: Hose mit langem Bein. Sakko mit grünem Stehkragen oder Revers. Gerader Rücken oder Quetschfalte mit oder ohne Dragoner. Grüner Besatz der Sakkotaschen.
Knöpfe: Metallknöpfe mit eingeprägtem niederösterreichischen Landeswappen.
Für die Volkskulturarbeit in unserem Bundesland war der Anspruch auf Qualität stets naheliegend. Daher lagen die Qualität der Stoffe, die Qualität der Fertigung und die Qualität der Passform im Fokus der Weiterentwicklung.
Persönliche Note:
Ich bin mit der Tracht aufgewachsen. Die Kleidung meiner Kindheit war meist handgefertigt. Meine Mutter nähte, strickte und häkelte: Dirndln, Röcke, Trachtenjacken und -stutzen. Im Gegensatz zu meinen beiden Brüdern, liebte ich unser „landesübliches Gwand“ auch in jungen Jahren. Ich befasste mich intensiv sowohl privat als auch beruflich mit dem Thema Tracht – übrigens bis heute – und zwar in Theorie und Praxis. Beinahe stolz darf ich verraten, dass ich im Besitz von 80 Dirndln bin und mich noch von keinem trennen will, ausgenommen es würde sich eine meiner Nichten dafür interessieren. Erst kürzlich bekam die jüngste eine kleine Auswahl für Familien- und Feste im Freundeskreis „in“ Tracht.
Selbst bin ich wahrlich eine „Dirndlträgerin“, fühle mich im Dirndlkleid wohl und denke, damit sehr oft und passend angezogen zu sein.
In meinen aktiven Berufsjahren trug ich beinahe täglich zumindest ein trachtiges Teil. Trachtentücher und -schals ließen sich gut mit Business Casual kombinieren. Oder: bunte, gemusterte Strumpfhosen zu einfärbigen Trachtenröcken. Oder: Kräftige Farben bei Schuhen zum Dirndl u.v.m.
Diesbezüglich setzte ich der Phantasie keine Grenzen. Meine Lehrmeisterin für das Thema Tracht, Gexi Tostmann prägte den Standpunkt: „Wer die Formen beherrscht, darf diese auch verlassen“ und meinte damit – mit dem entsprechenden Wissen und Gespür in Bezug auf Kleider- bzw. Texitilkunde ist vieles erlaubt. Zugegeben, ein Ansatz, dem viel Platz für Interpretation innewohnt.
Dorli Draxler
Juli 2026
Veranstaltungshinweis:
Trachtenbörse am Brandlhof der Volkskultur Niederösterreich in Radlbrunn am Sonntag, 26. Juli 2026, 8.00-14.00 Uhr
Hinweis Broschüre:
nachhaltig.Dirndl, eine Anleitung: inspirierend und begeisternd. Hrsg.: Volkskultur Niederösterreich, 2. Auflage, St. Pölten 2021, 51 Seiten.
Hinweis Buch:
Gexi Tostmann, Das Alpenländische Dirndl, Tradition und Mode. Verlag Christian Brandstätter, Wien-München 1998, 80 Seiten.
Informationen zur Fachliteratur: Volksliedarchiv der Volkskultur Niederösterreich. www.volkskulturnoe.at E-Mail archiv@volkskulturnoe.at Telefon +43 2742 9005 12878.