
Wo Handwerk lebendig wird
Schmieden, Schustern, Weben oder Brotbacken: Im Lebenden Handwerksmuseum in St. Leonhard am Hornerwald werden alte Arbeitstechniken nicht nur ausgestellt, sondern vorgeführt und weitergegeben. Dass es diesen Ort heute gibt, ist selbst eine Geschichte gelebter Gemeinschaft. Aus einem leerstehenden Gasthaus entstand mit tausenden freiwilligen Arbeitsstunden ein Museum, in dem das Wissen um alte Handwerke lebendig bleibt.
Um die Jahrtausendwende stand am Ort des heutigen Museums nur ein leeres, aufgelassenes Gasthaus. Bis der Dorferneuerungsverein St. Leonhard gegründet wurde. Sein erstes großes Vorhaben war es, das leerstehende Gasthausareal durch ein Handwerksmuseum wiederzubeleben und gleichzeitig etwas zu bewahren, das zunehmend aus dem Alltag verschwand: das Wissen um jene Handwerke, die in der Region über Generationen ausgeübt worden waren.
Im selben Jahr entstand auch der Museumsverein „Bürger – Bauer – Handwerksmann“ und aus der Idee wurde rasch ein Gemeinschaftsprojekt. Ein alter Gasthof mit angeschlossener Landwirtschaft wurde umgebaut und für seine neue Aufgabe eingerichtet.
Die Grundidee ist bis heute dieselbe geblieben. Alte Handwerke, die noch bis vor vergleichsweise kurzer Zeit in St. Leonhard und seiner Umgebung ausgeübt wurden, sollten besonders jungen Menschen und interessierten Besucherinnen und Besuchern nähergebracht werden. Die Sammlung dokumentiert deshalb sowohl handwerkliche als auch bäuerliche Tätigkeiten aus St. Leonhard und der Umgebung.
Ein Museum zum Anfassen
Bereits nach eineinhalb Jahren waren mehr als 5.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden geleistet und am 27. Mai 2001 öffnete schließlich das Lebende Handwerksmuseum seine Türen. Damit war die Arbeit allerdings nicht beendet.
Das Museum wurde in den folgenden Jahren weiterentwickelt und umgebaut. Heute spricht die Marktgemeinde St. Leonhard von insgesamt mehr als 17.000 ehrenamtlichen Stunden, die in Errichtung und Umbau geflossen sind.
Dass eine solche Zahl überhaupt möglich wurde, führt die Gemeinde auf etwas zurück, das sie selbst als „funktionierende Dorfgemeinschaft“ beschreibt. Genau darin liegt eine Besonderheit dieses Museums: Nicht nur das, was in seinen Räumen gezeigt wird, erzählt von einer vergangenen Arbeits- und Lebenswelt. Auch die Entstehung des Hauses selbst erzählt von Zusammenarbeit, freiwilligem Einsatz und davon, Wissen für die nächste Generation erhalten zu wollen. Die Exponate sind einzigartig, die 41,16 Meter lange und mit 120 Sprossen versehene, handgefertigte Holzleiter galt lange als die längste Holzleiter der Welt und hat es ins Guinness Buch der Rekorde geschafft.
Doch Werkzeuge allein können nicht zeigen, wie ein Handwerk funktioniert. Erst der Mensch, der sie in die Hand nimmt, macht aus einem historischen Gegenstand wieder ein Arbeitsgerät. Bei Veranstaltungen wie dem kommenden „Handwerkstag“ am 6. September wird vorgeführt, ausprobiert und erklärt. Erfahrene Handwerkerinnen und Handwerker zeigen unter anderem das Schmieden, Schneidern, Schustern und Weben.
Holz wird bearbeitet, Zwirnknöpfe werden hergestellt und beim Klöppeln entstehen aus Fäden feine Arbeiten. Auch bäuerliche Tätigkeiten wie Sensentengeln, Strohdecken und Dreschen gehören dazu. Spinnen, Brotbacken sowie Geräte und Arbeiten aus dem bäuerlichen Haushalt ergänzen das Bild einer Zeit, in der vieles, was im täglichen Leben gebraucht wurde, selbst hergestellt, verarbeitet oder repariert werden musste.
Damit bewahrt das Museum nicht nur Dinge, sondern vor allem Handgriffe. Wie hält man ein Werkzeug? Wie wird aus einem Rohstoff ein Gebrauchsgegenstand? Welche Arbeitsschritte braucht es, bis etwas fertig ist? Man muss dabei zusehen – oder selbst Hand anlegen.
Wissen weitergeben
Gerade für jüngere Menschen bietet sich hier eine interessante Möglichkeit. In einer Zeit, in der digitale Medien zum Alltag vieler Kinder selbstverständlich dazugehören, bekommt das eigene Handanlegen eine besondere Bedeutung. Ein Stück Holz in der Hand zu halten, den Widerstand des Materials zu spüren und zu erleben, wie durch die eigene Arbeit etwas entsteht, ist eine Erfahrung, die sich nicht auf einem Bildschirm vermitteln lässt.
Beim Schnitzen, Weben oder anderen Mitmachangeboten lernen Kinder nicht nur alte Handwerkstechniken kennen. Sie erfahren unmittelbar, dass es Geduld und mehrere Anläufe braucht, bis aus einem Material ein Werkstück wird.
Blickt man in die Geschichte so könnte man sagen, dass hier eine Form der Wissensweitergabe stattfindet, die für das Handwerk lange selbstverständlich war. Fertigkeiten wurden nicht nur beschrieben, sondern vorgezeigt. Man schaute erfahrenen Menschen bei ihrer Arbeit zu, versuchte es selbst und lernte mit jedem Handgriff dazu.
Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Eröffnung bleibt das Museum bei diesem Prinzip. Tausende historische Exponate geben heute Einblick in rund 180 Jahre Handwerksgeschichte. Handwerksgeschichte, die in Bewegung kommen darf. Besonders am Sonntag, 6. September 2026 wenn das Handwerksmuseum gemeinsam mit der Volkskultur Niederösterreich von 10.00 bis 16.00 Uhr zum Handwerkstag nach St. Leonhard am Hornerwald einlädt.
Rund 15 Handwerkerinnen und Handwerker geben Einblick in traditionelle und teilweise fast vergessene Techniken. Musik und regionale Kulinarik begleiten den Handwerkstag, im Hornerwalder Hofladen werden regionale Produkte angeboten, traditionelle Feuerflecken kommen aus dem Ofen und das Restaurant „MuseumGenuss“ serviert regionale Küche.
Um 14.30 Uhr ist außerdem Heini Staudinger von der Waldviertler Schuhwerkstatt GEA zu Gast und spricht über Traditionen und Trends. Damit schließt sich ein Kreis, der vor mehr als 25 Jahren mit einem leer stehenden Gasthaus begann. Die Menschen in St. Leonhard haben einen Ort geschaffen, an dem nicht nur aufbewahrt wird, was früher einmal war. Hier wird weitergegeben.