Der Alpenländische Volksmusikwettbewerb

besteht schon ein halbes Jahrhundert lang. Seine Attraktivität und Strahlkraft – so die Wahrnehmung – nehmen kontinuierlich zu. Er ist als Phänomen einzuordnen und als Erfolgsmodell zu beschreiben.

Seit 1974 zieht es Jugendliche aus dem Alpenraum im Zweijahresrhythmus Ende Oktober nach Innsbruck. Gründungskonzept und Philosophie haben nach wie vor Gültigkeit und an Bedeutung zugelegt, meine ich. So einfach ist es: Es geht um das Ermöglichen von musikalischen Begegnungen und das Fördern von regionaltypischer Sing- und Musizierpraxis.

Aber ganz so einfach ist das Unterfangen eben auch wieder nicht, denn eine derartige Veranstaltung braucht tragfähige Strukturen, eine kompetente Wettbewerbsführung und -organisation sowie zahlreiche Partner und Sympathisanten. Ausgetragen vom Tiroler Volksmusikverein – seit dem Jahr 2010 trägt der Wettbewerb im Titel auch den Namen der Mitbegründerin des Tiroler Volksmusikvereins, Herma Haselsteiner – handelt es sich heute um das größte Netzwerk und den größten Campus für traditionelle Volksmusik hierzulande. Dass der Wettbewerb heute breite Akzeptanz und Relevanz hat, ist im vergangenen Jahrzehnt vor allem dem Obmann des Tiroler Volksmusikvereins Peter Margreiter, an seiner Seite Sonja Steusloff-Margreiter und dem exzellenten Team zuzuschreiben.

Es sind immer Vorbilder und Persönlichkeiten, die erfolgreiche Projekte prägen, am Laufen halten und verantwortungsvoll in die Zukunft führen. Die Volksmusik ist in allen Kulturen Basis des musikalischen Schaffens, davon bin ich fest überzeugt und das hat mich die jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Musikvermittlung und Musikpädagogik gelehrt.

Das prosperierende Musikschulwesen der letzten Jahrzehnte konnte vor allem, was die technischen Fertigkeiten am Instrument anlangt, einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung beitragen. Hervorragende Lehrende, sehr oft mit Wurzeln in der Volksmusik, interessierte und talentierte Schülerinnen und Schüler sowie unterstützende Eltern sind nicht ersetzbar. Aber das ist noch nicht alles, es braucht die Begegnung mit erfahrenen Sängerinnen und Sänger sowie Musikantinnen und Musikanten, die Auseinandersetzung mit der Literatur und den Quellen sowie die Praxis. Erst Auftritte, egal ob bei brauchgebundenen Anlässen oder bei Konzerten, „machen den Meister“.

Im Mai dieses Jahres fand einmal mehr der niederösterreichische Volksmusikwettbewerb – eine Kooperation von Musikschulmanagement Niederösterreich und Volkskultur Niederösterreich – statt. Der niederösterreichische Wettbewerb ist übrigens auch eine Veranstaltung, die es bereits seit den 1980er Jahren gibt. 125 Teilnehmende, davon 54 Solistinnen und Solisten (51 Wertungen mit Steirischer Harmonika, 2 Wertungen mit Zither und eine Wertung mit Gitarre) und 19 Ensembles nahmen heuer teil.

Für Innsbruck 2026 meldeten sich eine Gesangsgruppe, drei Harmonikasolisten und vier Instrumentalgruppen aus Niederösterreich an. Keine unbekannten, sondern lauter Jugendliche mit ihren Lehrerinnen und Lehrern, die viele Jahre schon an den niederösterreichischen Wettbewerben teilnehmen und durch herausragende Leistungen beeindrucken.
In wenigen Tagen ist es so weit und ich wünsche jetzt schon allen insgesamt 700 Jugendlichen alles Gute.
Wobei angemerkt sei, dass der Wettbewerb natürlich wichtig ist. Es streben alle die Beurteilung „mit ausgezeichnetem Erfolg teilgenommen“ an, das Wettbewerbsergebnis stellt jedoch „nur“ eine Momentaufnahme dar. Keine/keiner nimmt unvorbereitet teil und es gehört auch ein Quäntchen Glück dazu, um einen Erfolg feiern zu können.
In jungen Jahren war ich selbst als Teilnehmerin in Innsbruck, seit 1992 darf ich als Jurorin mitarbeiten. Der Alpenländische Volksmusikwettbewerb ist ein Erlebnis der unvergleichlichen, so besonderen Art. Ich möchte all die wunderbaren Begegnungen die Eindrücke und die Atmosphäre nicht missen. Sie begeistern mich nach wie vor.

Campus der Musizierfreude.


Die Wettbewerbstage dauern vom Donnerstag, 22. Oktober bis Sonntag, 25. Oktober 2026. Gewertet wird am Freitag und am Samstag in fünf parallel laufenden Wertungsspielen bzw. -singen. Bereits am Donnerstag beginnt es mit einem Eröffnungsabend zum Kennenlernen und Aufspielen. Freitag und Samstag bilden mit den „Wertungen“ in fünf Wertungssälen den Kern. Gleichzeitig verwandeln sich das Haus und die Stadt in Plätze für offenes Singen und Musizieren. „Gsungen & Gspielt“ heißt es auf Bühnen im Congress, „Aufg´horcht in Innsbruck“ bei der Straßen- und Wirtshausmusik in der Stadt.
Eine internationale Verkaufsmesse „Rund um die Volksmusik“ gibt Einblick in den Instrumentenbau, Musikalienhandel, Noten- und Fachbuchsektor.

Exkurs.
Sehr interessant und besuchenswert sind die Hörstationen mit Archivaufnahmen aus 50 Jahren Alpenländischer Volksmusikwettbewerb: eine unverwechselbare Dokumentation der Volksmusikszene aus Österreich, Bayern, dem Allgäu, Südtirol und der Schweiz. Viele Ensembles, die österreichische Volksmusikgeschichte schrieben und schreiben haben beim Alpenländischen Volksmusikwettbewerb teilgenommen und sind an ihm gewachsen. Ich denke an legendäre Gruppen, wie das Heanznquartett aus dem Burgenland, die Zwanzleitner Musik aus der Steiermark, die Geschwister Wulz aus Kärnten, die Mollner Maultrommler aus Oberösterreich, das Duo Hoysa-Emersberger aus Wien, das Volksmusiktrio Spirk-Pillgrab aus Niederösterreich, die Tiroler Kirchtagmusik, die Familie Bär aus Vorarlberg, die 6er Musig aus Südtirol, die Wetterstoamusikanten aus Bayern u. v. m.

Seitens der Jurorinnen und Juroren liest sich die Auflistung ebenso als „Who is who“, darunter der steirische Musiklehrer, Sammler und Entwickler der Harmonikagriffschrift Max Rosenzopf (1937 – 2020), der (ober)österreichische Lehrer und Volksmusikforscher Hermann Derschmidt (1904 – 1997), der Kärntner Pädagoge, Volkskundler, Chormeister und Journalist Helmut Wulz (1936 – 2023), der langjährige Leiter der Salzburger Volkskultur Harald Dengg oder die Tiroler Musikprofessoren und Harfenisten Peter Reitmeier (Ehrenobmann des Tiroler Volksmusikvereins und langjähriger Wettbewerbsleiter), Otto Ehrenstrasser und Peter Kostner, Franz Posch u.v.m.

Auch heute ist die Wettbewerbsjury (an die 30 Jurorinnen und Juroren) mit Fachleuten aus Theorie und Praxis, aus Wissenschaft, Pädagogik und erfahrenen Volksmusikantinnen und -musikanten besetzt. Damit es nicht verloren geht und nicht aus unserem Bewusstsein verschwindet, darf ich auch die Gründungsväter erwähnen, die wahrscheinlich von der ausnehmenden Erfolgsgeschichte nicht zu träumen wagten. Wettbewerbsgründer war Josef Sulz (1930 – 2016), der damalige Leiter des Innsbrucker Instituts für Musikpädagogik der Musikhochschule Mozarteum in Salzburg, der Größen wie „den“ österreichischen Volksmusikforscher des 20. Jahrhunderts Walter Deutsch (1923 – 2025) oder Fachleute in Theorie und Praxis wie Peter Moser, Karl Horak (1908 – 1992), Norbert Wallner (1907 – 1976), Florian Pedarnik (1938 – 2022) u.v.m. zu Rate zog.

Höhepunkte.


Zu den Höhepunkten der Wettbewerbstage zählen der traditionelle Volkstanzabend am Freitag ab 20.00 Uhr im Saal Tirol und der Festabend am Samstag ab 20.00 Uhr ebenfalls im Saal Tirol. Beim Festabend präsentieren ausgewählte Preisträger:innen ihr Können – jedes Mal eine beeindruckende und klangliche Wanderung durch die unterschiedlichen Volksmusiklandschaften.
Der sprichwörtliche „krönende Abschluss“ führt in die Jesuitenkirche mit einem feierlich und volksmusikalisch gestalteten Gottesdienst. Der anschließende Frühschoppen im Wirtshaus gehört dazu, um dem überlieferten Zitat des Musiktheoretikers Franz Eibner (1914 – 1986) Folge zu leisten: „Das Wirtshaus ist die Hochschule der Volksmusik“. Und um dem Vermächtnis von Walter Deutsch gerecht zu werden, sei für den bevorstehenden 26. Alpenländischen Volksmusikwettbewerb/Herma Haselsteiner Preis 2026 in Erinnerung gerufen: „Vergesst mir den Ländler nicht!“.

Ich freue mich auf ein Wiedersehen in Innsbruck, bis dann!

Dorli Draxler
Oktober 2026

Veranstaltungshinweis: Symposium „Instrumentalmusik in den Alpen“, 20. – 21. Oktober 2026, Haus der Musik, Innsbruck. Universität Mozarteum Salzburg, Department für Musikwissenschaft, Institut für Europäische Regionalmusikforschung, Fachbereich Musikalische Ethnologie. Anmeldung: thomas.nussbaumer@moz.ac.at.

26. Alpenländischer Volksmusikwettbewerb/Herma Haselsteiner Preis,
22. – 25. Oktober 2026, Congress Innsbruck:
Tiroler Volksmusikverein, www.tiroler-volksmusikverein.at

Veranstaltungs- und Wettbewerbsinformation:
Volkskultur Niederösterreich, www.volkskulturnoe.at
Musik & Kunstschulen Management Niederösterreich, www.mkmnoe.at

Fachinformation: Volksliedarchiv der Volkskultur Niederösterreich
E-Mail archiv@volkskulturnoe.at Telefon +43 2742 9005 12878.

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