
Im Jahr 1904 tat sich eine Gruppe von Menschen in Niederösterreich mit einem ambitionierten Ziel zusammen: Volksmusik sollte Bestand haben, einen Platz in der Gesellschaft behalten. Also begannen sie, Volkslieder und -stücke in ihren unterschiedlichsten Formen und Erscheinungsweisen zu sammeln. Ob als vergilbte Handschrift auf einem Notizzettel, als Tonaufnahme auf Wachswalzen oder auf bereits verklebenden Tonbändern.
Sie hielten die Musik ihrer Zeit als Einspielung auf einer abgenützten Schellackplatte fest, oder auch als Notendruck in einem alten Buch. Der Grundstein für Volksmusiksammlungen war gelegt. Nachdem zunächst hauptsächlich Lieder zusammengetragen wurden, setzte sich für die rasch wachsenden Sammlungen die Bezeichnung „Volksliedarchive“ durch.
Die ersten Sammler
ist ein Verdienst der damaligen Sammlerinnen und Sammler. Sie suchten die Menschen auf, lasen ihnen ihre Lieder vom Mund ab und schauten sich die Stücke von ihren Fingern ab, wie sie über Saiten liefen, oder auf den Reihen einer Harmonika oder eines Akkordeons auf und ab tanzten.
Alles, was sie zu hören oder in die Hände bekamen, interessierte die Forscherinnen und Forscher, jede Notennotiz, jedes Heft, in dem man seit Generationen Texte zusammentrug, mit dem Anspruch, sie ja nicht zu vergessen. Um die Melodien sorgte man sich in Hinblick darauf weniger, sie waren sowieso schon seit Kindheitstagen nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen und blieben den Menschen oft bis ins hohe Alter als Gedächtnisschatz erhalten.
Den Sammlerinnen und Sammlern und ihrer Kunst des Aufschreibens und Aufzeichnens verdanken wir, dass wir heute noch von Jodlern, die man im Schneeberggebiet virtuos mit einem „Viadeuter“ (Ansänger), einem „Draufsänger“ und einem „Unten eini“ (Bass) gesungen hat, wissen.
Es gäbe keine Möglichkeit mehr, dieses Singen wiederzubeleben, wenn niemand da gewesen wäre, der die Sängerinnen und Sänger vor ein Mikrofon geholt und mit einem Phonographen, einem Tonbandgerät oder einem Kassettenrekorder aufgenommen hätte. Allerdings wären auch diese Mitschnitte und Niederschriften längst verloren, hätte es keinen Ort gegeben, wo man sie sammelte und so aufbereitete, dass man sie auch wiederfinden konnte.
Was heute nicht gesammelt wird, fehlt morgen
Die großen Sammlerinnen und Sammler gibt es heute nicht mehr, viel zu zahlreich wären die Plätze, an denen sie forschen und sammeln, viel zu unterschiedlich die Medien und Formate, die sie zusammentragen müssten.
Zum handgeschriebenen oder gedruckten Notenblatt gesellt sich mittlerweile immer mehr das digitale. Neben herkömmlichen physischen Tonträgern liegen digitale Audioformate und neben Fotoabzügen in Farbe oder Schwarzweiß Unmengen an digitalen Bildern in unterschiedlicher Qualität vor. Die Sammlungsbetreuerinnen und -betreuer haben alle Hände voll zu tun, die Sammlung zu ordnen und jedem Sammlungsobjekt einen eindeutigen und bleibenden Platz zuzuweisen. Dabei dürfen aber die Sammelstrategie und der Dokumentationsauftrag nicht zu kurz kommen, denn was heute nicht gesammelt wird, das wird morgen fehlen.
Die Sammlungsbetreuerinnen und -betreuer können nur einen verschwindend geringen Ausschnitt des Volksmusikgeschehens auf ihren Radaren mitverfolgen. Sie sind zu einem überwiegenden Teil auf das angewiesen, was ihnen zum Sammeln anvertraut und überantwortet wird. Auch wenn sich vieles mittlerweile im Internet finden lässt und es technisch keine große Herausforderung wäre, dürfen sich auch Archive und Sammlungen nicht wahllos bedienen, sondern brauchen die Mithilfe und Einwilligung derer, die für die Inhalte verantwortlich sind.
Eine Gemeinschaftsaufgabe
Damit Volksmusik, die den Moment überdauern und Resonanz erzeugen will, aufgehoben werden kann, braucht es viele helfende Hände: Sängerinnen, Sänger, Musikantinnen und Musikanten, ebenso wie Menschen, die Freude am Sammeln haben und wertvolle Hinweise zum Volksmusikgeschehen liefern können. Persönlichkeiten, die vielleicht selbst Volksmusiknotensammlungen haben und sie dauerhaft archiviert wissen möchten.
Es braucht aber auch die Sammlungsbetreuerinnen und -betreuer, die alles in ein System bringen und archivieren, damit es zugänglich bleibt. Eine Volksmusiksammlung ist nur scheinbar eine dem Zugriff entrückte Institution. Zuallererst ist sie ein, wenn auch nicht lückenloses, Abbild dessen, was die Menschen in ihrer jeweiligen Zeit schaffen, hervorbringen oder auch verwerfen.
Sie ist wie ein Kunstwerk und Gebilde derer, die musikalische Volkskultur leben und erlebbar machen. Jeder und jede mit einem Bezug zu Volksmusik baut an diesem Wunderwerk mit, bewusst oder unabsichtlich, Schicht für Schicht, Baustein für Baustein. Und damit ist auch jede und jeder ein Stück weit für diese seine bzw. ihre Sammlung verantwortlich.
Aktives Mitgestalten
Wie dieses Mitbauen an einem einzigartigen, zeitübergreifenden Kunstwerk gehen kann? Die Sammlung zu benü
tzen, sich an ihr zu erfreuen oder mit dem darin Gefundenen weiterzuarbeiten ist das eine. Etwas Anderes ist es, diese Sammlung aktiv mitzugestalten. Dazu sind alle eingeladen, die zur Volksmusik in Niederösterreich einen Beitrag leisten wollen, egal wie klein und unscheinbar oder wie groß und bedeutsam dieser auch ausfallen mag.
Wenn das gelänge, so könnte man zwischen den alten Notenblättern auch die neuesten Releases von Streamingdiensten mit Volksmusik, die so vielen Menschen Freude macht, finden. Neben den Notensammlungen von Kapellmeistern des 19. Jahrhunderts könnten frische Kompositionen liegen, die jemand gerne mit anderen teilen möchte oder die einfach an einem sicheren Ort aufgehoben werden sollen. Zu den renommierten Volksmusikensembles wie den Hödl-Buam aus dem Schneeberggebiet, der Weinviertler Kirtagsmusik, dem Zwettltaler Dreigesang aus dem Waldviertel oder dem Ötscherlandtrio gesellten sich dann junge Volksmusikensembles. Wie großartig wäre das, wenn unsere Volksmusiksammlung in Niederösterreich eine Plattform des Austausches wäre, des Miteinander Teilens von Schönem, zu einem gemeinsamen Projekt derer werden könnte, die die Volksmusik lieben und aus ihr leben!
Peter Gretzel, Leiter des NÖ Volksliedarchivs
Kontakt:
VOLKSKULTUR NIEDERÖSTERREICH GmbHNÖ Volksliedarchiv
c/o NÖ Landesbibliothek
Landhausplatz 1
3109 St. Pölten
Tel.: 02742 9005 12878
Online-Recherche:
Volksmusikdatenbank Österreich