
Über Generationen war das Wirtshaus weit mehr als ein Ort, an dem gegessen und getrunken wurde. Hier traf man Nachbarn und Durchreisende, tauschte Neuigkeiten aus, schloss Geschäfte und Freundschaften, feierte Hochzeiten, Taufen und andere Feste. Für viele Vereine war das Gasthaus Versammlungsort und Vereinssitz, der Stammtisch ein fester Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens.
Gerade in Zeiten, in denen die eigenen vier Wände klein und die Möglichkeiten zur Unterhaltung begrenzt waren, erfüllte das Wirtshaus auch die Funktion eines gemeinschaftlichen Wohnzimmers. Wo Menschen nach der Arbeit, dem Kirchgang oder bei einem Fest zusammensaßen, waren auch Lied und Musik oft nicht weit. Stücke wurden weitergegeben, Melodien aufgegriffen. Dabei ging es nicht in erster Linie um eine perfekte Darbietung. Entscheidend war das gemeinsame Tun.
Die Volkskultur Niederösterreich widmete diesem Zusammenspiel bereits 2002 eine Publikation mit dem Titel: „Wo ein Wirtshaus erbaut, ein Musikant vorbeischaut“. Das Wirtshaus wird darin als Lebensraum der Volksmusik beschrieben – als Ort von Musikanten und Wirten, Menschen und Instrumenten, Erinnerungen und Lebenswelten.
Der Musikwissenschaftler Franz Eibner bezeichnete das Wirtshaus in diesem Zusammenhang als „Hochschule der Volksmusik“. Im Wirtshaus werde Musik nicht nur vorgeführt. Sie entstehe aus der Situation heraus: Jemand stimmt ein Stück an, ein zweites Instrument kommt dazu und aus Zuhörerinnen und Zuhörern werden Beteiligte. Es gibt praktisch keine Trennung zwischen Bühne und Publikum, zwischen Programm und spontanem Einfall. Wer ein Instrument dabeihat, kann sich dazusetzen. Wer ein Lied kennt, stimmt ein. Und wer einfach zuhören möchte, ist ebenso willkommen.
Dieses besondere Erlebnis kann man auch heute noch finden, denn Musikantenstammtische erfreuen sich in ganz Niederösterreich großer Beliebtheit. Im Oktober wird gleich an mehreren Orten musiziert. Am Samstag, 10. Oktober lädt Singleiter Leopold Schlosser ab 16.00 Uhr zum gemeinsamen Wirtshaussingen in den Heurigen Märzweiler, Baden.
Das Gemeinsame steht für Leopold Schlosser dabei nicht nur im Titel, es steht im Zentrum der Veranstaltung. „Wirtshausmusik ist keine Berieselung, sondern ein aktives Miteinander“, meint Schlosser. „Es gibt keine besonderen Regeln, jede und jeder ist herzlich eingeladen.“
Vorkenntnisse seien zweitrangig, so der Singleiter, der viele Jahre lang auch als Chorleiter tätig war. „Auch wenn viele es sich nicht zutrauen: wir alle können singen. Das Instrument Stimme hat jede und jeder mit.“ Für Schlosser, der die Veranstaltung auf der Steirischen Harmonika begleitet, sind die schönsten Momente die, in denen „das ganze Wirtshaus singt.“
Das „Haus zum Singen bringen“, ist auch der Anspruch des Musikers und Sängers Helmut Hutter, der unter anderem als Gründer und Leiter der Formation „Helmut Hutter & das Waldviertler Schrammeltrio“ bekannt ist. Am Montag, 12. Oktober lädt Hutter ins Gasthaus zum Predigtstuhl nach Groß-Siegharts, wo er mit Hermann Binder (Gitarre, Gesang), und Alexander „James“ Würrer (Kontrabass, Gesang) aufspielt. „Wirtshausmusik ist für mich herzerwärmend“, so Hutter. „Weil man in ungezwungenem Rahmen beisammen sein kann und die Musik verbindet. Wenn man das Glück hat einen Wirt zu finden, der das auch schätzt und unterstützt, dann ist ein besonderer Abend garantiert.“
Das Wirtshaus als Begegnungszone
Dass die Beschäftigung mit dem Wirtshaus weit über nostalgische Erinnerungen hinausgeht, zeigt am 14. Oktober die Veranstaltung „Begegnungszone Wirtshaus“ im Stadtsaal Mank. Ab 18.30 Uhr stehen die Präsentation des gleichnamigen Buchs, eine Fotoausstellung, Podiumsgespräch, Film und natürlich Wirtshausmusik auf dem Programm. Der Initiator, Dokumentarfilmer und Fotograf Thomas Zeller, hatte dabei den Anspruch, diese Bedeutung des Wirtshauses als Begegnungszone für die Nachwelt festzuhalten. Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der Wirtshäuser in Niederösterreich deutlich zurückgegangen. Umso stärker wird sichtbar, was verloren gehen kann, wenn ein Gasthaus schließt: nicht nur ein gastronomisches Angebot, sondern häufig auch ein sozialer Treffpunkt.
„Wenn ein Wirtshaus verschwindet, verschwindet damit auch ein Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Generationen, Berufe und Interessen miteinander ins Gespräch kommen können“, so Zeller. Der Bildband „Begegnungszone Wirtshaus“ widmet sich der Wirtshauskultur des Melker Alpenvorlands, des Pielachtals und der angrenzenden Regionen. Das Buch dokumentiert diese Welt mitsamt ihren Gästen und ihrem historischen Inventar. Die Aufnahmen entstanden – mit wenigen Ausnahmen – in den Jahren 2025 und 2026 und lassen das Leben und die Geschichten dieser einzigartigen Orte unmittelbar spürbar werden.
Ein Ort, fünf Gaststätten
Wie Wirtshausmusik zugleich traditionell und neu gedacht werden kann, zeigt „Volksmusik trifft Kirchberg am Wagram“ am 16. Oktober. Hier beschränkt sich das Geschehen nicht auf ein einzelnes Wirtshaus, sondern breitet sich über den Ort aus.
Um 18 Uhr beginnt der Abend mit einem offenen Singen mit Erhard Mann im Innenhof von Gut Oberstockstall. Ab 19 Uhr erklingt in fünf Gaststätten gleichzeitig Volksmusik: Helmut Hutter und das Waldviertler Schrammeltrio spielen im Alten Winzerkeller, die Tanzgeiger und die Stifta Geigenmusi im Gut Oberstockstall, die Zither-Sisters im Weinhaus und die Ybbsitzer Marktmusi in der Gebietsvinothek Weritas und die Mostbradlmusi im Wein & Gasthaus Familie Ehn.
Dazu kommen Ensembles der örtlichen Musikvereine, der Musikschule Region Wagram und das Vokalensemble „Die Heckenperlen“. Der Eintritt ist frei, man wechselt von Gaststätte zu Gaststätte, hört unterschiedliche Besetzungen und erlebt dabei auch neue Facetten regionaler Volksmusik.
Tradition, die vom Mitmachen lebt
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Stärke der Wirtshausmusik: Sie braucht keine große Inszenierung. Ein Tisch wird zur Bühne, eine Gaststube zum Klangraum. Erfahrene Musikantinnen und Musikanten sitzen neben Menschen, die erst seit wenigen Jahren spielen. Bekannte Stücke wechseln sich mit spontan Angestimmtem ab. Dazwischen wird geredet, gegessen und gelacht. Damit setzt sich etwas fort, das das Wirtshaus über Jahrhunderte geprägt hat. Es ist ein Ort des Austauschs – und ein Ort, an dem Kultur nicht nur betrachtet, sondern gemeinsam gelebt wird.
Eine Übersicht der Musikstammtische im Oktober finden Sie hier. Ihr Stammtisch ist nicht dabei? Bitte per E-Mail an office@volkskulturnoe.at anmelden.
QUELLEN:
„Wo ein Wirtshaus erbaut, ein Musikant vorbeischaut“ 2002, Volkskultur Niederösterreich(Atzenbrugg), Herausgeber: Dorothea Draxler und Edgar Niemeczek, Redaktion: Marion Helmhart und Wolfgang Stanicek.
Gerlinde Haid zur Bedeutung der Wirtshausmusik, Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes, Jahrgang 2009
