Klanglandschaft Lunzer See

Klanglandschaft Lunzer See

Wenn an einem warmen Augustabend die ersten Klänge der Flügelhörner über den See getragen werden und als Echo zurückkehren, wird deutlich, warum sich ausgerechnet hier ein spezielles Festival entwickelt hat.

„Aufg’spüt am See“ macht Lunz am See jeden August zu einem Ort des gemeinsamen Musizierens und des kulturellen Austausches. Hier begegnen sich professionelle Musikerinnen und Musiker, Volksmusikgruppen, Musikschülerinnen und Musikschüler sowie Menschen, die einfach Freude an authentischer Volksmusik haben. Ein verbindendes Element scheint ihre Überzeugung zu sein, dass musikalische Tradition nur dann lebendig bleibt, wenn sie gemeinsam erlebt wird.

Das Echo- und Weisenblasen hat am Lunzer See eine lange Tradition. Die Kombination aus Konzert und Seminar unter dem Titel „Aufg’spüt am See“ findet in der Form aber erst seit 2022 statt. Eigentlich sollte die Premiere auf der Seebühne stattfinden. Doch das Wetter zwang die Veranstalter kurzfristig dazu, in das Pfarrheim auszuweichen.

Was zunächst wie ein Rückschlag wirkte, entwickelte sich zum Beginn einer Erfolgsgeschichte. Die intime Atmosphäre machte deutlich, worum es den Initiatoren eigentlich ging: nicht um ein großes Spektakel, sondern um das gemeinsame Erleben der Volksmusik. Vierzehn Ensembles gestalteten damals den ersten musikalischen Abend. Die Resonanz war so positiv, dass rasch beschlossen wurde, dieses Festival fortzuführen.

Heute ist „Aufg’spüt am See“ ein wichtiger Bestandteil des niederösterreichischen Volksmusikjahres. Mit jeder Ausgabe wächst das musikalische Netzwerk. Musikerinnen und Musiker aus mehreren Bundesländern reisen mittlerweile nach Lunz, um voneinander zu lernen, gemeinsam zu musizieren und Erfahrungen auszutauschen.

Ein Festival, das aus der Region wächst

Veranstalter von „Aufg’spüt am See“ ist der Musikverein Lunz am See, in Kooperation mit der Volkskultur Niederösterreich und dem Niederösterreichischen Blasmusikverband. Gemeinsam entstand die Idee, einen Ort zu schaffen, an dem Volksmusik nicht ausschließlich auf der Bühne stattfindet. Das Konzept unterscheidet sich bewusst von klassischen Konzertformaten. Unterricht, Workshops, spontane Musikantenrunden, gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte greifen ineinander. Dadurch entstehen Begegnungen, die weit über ein gewöhnliches Festivalwochenende hinausreichen.

Besonders das sogenannte „Bradln“ nach den Konzerten zeigt diesen Gedanken. Sobald der offizielle Teil endet, werden Instrumente ausgepackt, Gruppen mischen sich, neue Besetzungen entstehen, alte Melodien werden weitergegeben und manchmal auch neu interpretiert. Genau hier lebt jene Volksmusik, die sich niemals ausschließlich aus Notenbüchern speist.

Die Sprache der Weisen

Wer zum ersten Mal den Begriff Weisenblasen hört, verbindet ihn häufig mit Blasmusik im klassischen Sinn. Tatsächlich handelt es sich hier um eine der ursprünglichsten Ausdrucksformen alpenländischer Musik. Weisenblasen ist eine beliebte Anlassmusik bei Gottesdiensten, Festlichkeiten, Verabschiedungen an besonderen Orten auf Almen und Seen.Weisen sind schwierig in Noten darzustellen. Eine Weise ist kein Marsch, keine Polka und kein Konzertstück. Sie erzählt vielmehr musikalische Geschichten. Oft sind diese Melodien schlicht aufgebaut, verzichten auf Virtuosität und leben stattdessen von einer singenden Linienführung. Ihr Ursprung liegt vielfach in religiösen Bräuchen, in der Hirtenkultur oder in festlichen Anlässen der Dorfgemeinschaft.

Gerade diese Einfachheit verlangt musikalische Reife. Die Musikerinnen und Musiker müssen gemeinsam atmen, aufeinander hören und den Klang als Einheit entwickeln. Jede Stimme trägt Verantwortung für das Gesamtbild. So entsteht jene Ruhe, die das Publikum oft unmittelbar berührt.

Landschaft als Instrument

Eine Besonderheit von „Aufg’spüt am See“ ist das Echoblasen. Diese Form des Musizierens entstand in den Alpen bereits vor Jahrhunderten. Hirten nutzten Berge und Felswände, um Signale über große Entfernungen hörbar zu machen. Später entwickelte sich daraus eine musikalische Tradition.

Der Lunzer See bietet dafür nahezu ideale Voraussetzungen. Die Wasserfläche reflektiert den Klang, während die umliegenden Berge den natürlichen Nachhall verstärken. Das Echo wird damit selbst Teil der musikalischen Interpretation.

Tanzlmusik

Neben dem Weisenblasen widmet sich „Aufg’spüt am See“ der Tanzlmusik, jener Form der Volksmusik, die über Jahrhunderte das gesellschaftliche Leben prägte.

Noch bevor es große Blasorchester gab, spielten kleine Ensembles auf Hochzeiten, Kirchtagen oder Wirtshausfesten. Flügelhörner, Klarinetten, Posaunen, Tuba oder Geige bildeten jene Besetzungen, die bis heute typisch geblieben sind.

Tanzlmusik war niemals bloße Unterhaltung. Sie begleitete das Leben der Menschen – beim Feiern ebenso wie bei religiösen Festen oder bäuerlichen Zusammenkünften. Viele dieser Melodien wurden ausschließlich mündlich überliefert und erhielten erst viel später schriftliche Notationen.

Gerade deshalb kommt der Weitergabe durch erfahrene Musikerinnen und Musiker heute besondere Bedeutung zu.

Lernen von Persönlichkeiten der Volksmusik

Im Mittelpunkt des Festivals steht das mittlerweile dritte Weisenblasen- und Tanzlmusikseminar. Hier begegnen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer renommierten Volksmusikpädagoginnen und -pädagogen.

Stefan Neussl gilt mit den Zillertaler Weisenbläsern seit Jahren als prägende Persönlichkeit der Tiroler Bläsertradition. Robert Schwärzer aus Südtirol beschäftigt sich intensiv mit der Dokumentation und Bewahrung alter Volkslieder. Reinhard Gusenbauer verbindet wissenschaftliche Forschung mit gelebter Volksmusikpraxis an der Anton-Bruckner-Privatuniversität in Linz. Dieter Schickbichler, Anton Straka und Alexander Rindberger bringen jahrzehntelange Erfahrung aus Konzertwesen, Musikschularbeit und Volksmusik ein. Ergänzt wird das Referententeam durch Astrid Schwärzer-Bär, die sich besonders der Ausbildung junger Hornistinnen und Hornisten widmet.

Drei Tage, die den See zum Klingen bringen

Das Festival 2026 spannt einen musikalischen Bogen über drei Tage. Den Auftakt bildet das Kirchenkonzert „Zwischen Semmering und Zillertal“, das zeigt, wie unterschiedlich Volksmusik klingen kann. Regionale Liedtraditionen treffen aufeinander und machen hörbar, dass Volksmusik niemals ein einheitlicher Stil war, sondern stets Ausdruck regionaler Identität.

Der Samstag steht ganz im Zeichen des Echo- und Weisenblasens. Wenn sich am Abend die Musiker auf der Seebühne versammeln und die Weisen über den See tragen, entsteht jener Moment, den viele Besucherinnen und Besucher Jahr für Jahr als Höhepunkt des Festivals beschreiben.

Am Sonntag öffnet sich „Aufg’spüt am See“ schließlich der gesamten Region. Beim Landesweisenblasen und beim musikalischen Rundgang erklingen an verschiedenen Plätzen rund um den See Weisen, Tänze und Gesänge. Das Publikum erlebt Musik nicht mehr von einem festen Konzertplatz aus, sondern begegnet ihr beim Gehen, Verweilen und Zuhören immer wieder neu. Hier geht´s zu allen Infos

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