
Am kommenden Donnerstag, 2. Juli, zeigt die Volkskultur Niederösterreich mit freundlicher Unterstützung der EPO-Film das große Finale der Bockerer-Saga „Der Bockerer-Prager Frühling“ im Stadlkino des Kulturpavillons im Brandlhof Radlbrunn. Bei freiem Eintritt wird der Film mit Karl Merkatz, Julia Stemberger und Wolfgang Böck zum ersten Mal in der Region gezeigt, in der er 2003 gedreht wurde.
Das Finale wurde zu großen Teilen in Niederösterreich realisiert und versetzte die Stadt Eggenburg ebenso ins Filmfieber, wie das umliegende Wald- und Weinviertel.
Ein Film mit Geschichte
Im Jahr 1981 brachte Produzent Dieter Pochlatko mit seiner EPO-Film das Theaterstück „Der Bockerer“ auf die Leinwand und der von Karl Merkatz gespielte Fleischhauer Bockerer wurde im Original und in den drei Fortsetzungen zu einer heimischen Kultfigur: grantig, direkt und immer mit einem untrüglichen Sinn für Unrecht.
Wie das legendäre Theaterstück behandeln die Bockerer-Filme die österreichische Sehnsucht nach dem einfachen, anständigen Menschen, der sich nicht vereinnahmen lässt: nicht von den Nazis, nicht von Besatzungsmächten, nicht von Diktaturen.
Bei „Der Bockerer: Prager Frühling“ handelte es sich um das Finale der Saga, für das eine Riege von legendären Schauspielerinnen und Schauspielern verpflichtet wurde: Karl Merkatz, Julia Stemberger, Wolfgang Böck, Marianne Nentwich und Heinz Petters kamen in die historische Altstadt von Eggenburg, die ins Jahr 1968 zurückversetzt wurde.
Für die Bevölkerung bedeuten Dreharbeiten von Historienfilmen immer eine Art Ausnahmezustand. Straßen werden gesperrt, Technik wird aufgebaut, historische Requisiten tauchen auf, Schauspieler und Komparsen beleben Plätze, die sonst dem Alltag gehören.
Region als Zeitkapsel
Heute werden moderne Häuserfassaden für Historienfilme einfach per Knopfdruck digital nachbearbeitet. Anno 2003 war die Technik noch nicht ausgereift genug dafür und so wurde die Altstadt mit aufwendigen Kulissenbauten und Kunstfassaden auf das Jahr 1968 umgemodelt. Der Verkehr musste umgeleitet werden, um die Illusion der 1960er-Jahre nicht zu stören und der Spaziergang in der Altstadt kam nach Drehschluss einer Zeitreise gleich.
Um die Straßen absperren, Utensilien von A nach B zu bringen und den Umbau zu unterstützen, braucht es in solchen Filmteams viele „Produktionsassistenten“. Ein Job, der oft von Filmstudierenden übernommen wird und für viele der ideale Einstieg ist, um Filmluft zu schnuppern. Die Betreffenden sind nah am Geschehen, benötigen aber praktisch keinerlei Vorkenntnisse.
Als der Bockerer 2003 nach Eggenburg kam, war ich 17 Jahre alt und eigentlich noch ein Jahr zu jung um mich als Produktionsassistent zu bewerben. Auch über den zur Bewerbung nötigen Führerschein verfügte ich noch nicht. Dafür hatte ich ein Alleinstellungsmerkmal, das mir den Sommerjob schließlich sicherte: Kenntnis der regionalen Ressourcen. Das Filmteam kam zur Gänze aus Wien und war zwar gut auf den Dreh vorbereitet, was die „offiziellen“ Einrichtungen anging, kannte aber die ehrenamtlichen Initiativen nicht. So auch nicht das damals noch geöffnete Motorradmuseum Eggenburg des mittlerweile verstorbenen Prof. Friedrich Ehn.
In Professor Ehns Eggenburger Museum waren viele historische Fahrzeuge aus den 1960ern praktisch in Fußnähe untergebracht. Der Professor war für das Projekt zu begeistern und schnell kam es zur Zusammenarbeit. Während die Panzer und Militärfahrzeuge, ebenso wie der legendäre Bockerer-Lieferwagen, aus Wien kamen, sorgte die „Entdeckung“ des lokalen Museums dafür, dass das Filmteam plötzlich auf authentische 1960er-Jahre Motorräder zurückgreifen konnte. Eine große Freude für Schauspieler Wolfgang Böck, einen leidenschaftlichen Motoradfahrer. Böck, der damals als „Trautmann“ über die heimischen Bildschirme flimmerte, fachsimpelte sofort auf hohem Niveau mit Professor Ehn und ließ keine Assoziation mit dem berühmten Kaisermühlner-„Kieberer“ zu, als der er damals vielen bekannt war. Eine Diskrepanz, die auch bei Hauptdarsteller Karl Merkatz vom ersten Moment an frappant schien.
Die Menschen hinter den Filmfiguren
Karl Merkatz war und ist vielen als im breiten Dialekt artikulierender Edmund Sackbauer aus „Ein echter Wiener geht nicht unter“ in Erinnerung. Der Schauspieler und Intellektuelle sprach privat aber durchgehend nach der Schrift und hatte weder im Naturell noch im Auftreten Ähnlichkeiten mit seiner berühmten Rolle. Am Set von „Bockerer IV“ kannten die Eggenburgerinnen und Eggenburger Merkatz als offenen, zugänglichen und auch feinsinnigen Gast, der sich ins Getümmel mischte und keinerlei Starallüren zeigte. Wir erlebten einen Menschen, der den Bockerer mit dem Bewusstsein eines Zeitzeugen spielte.
Als für eine Szene ein Schaufenster aus Zuckerglas von Soldaten eingeschlagen und ein Geschäft verwüstet wurde, wirkte Merkatz plötzlich ergriffen und brauchte einen Moment, um zurück in die Rolle zu finden. Wie er seinen deutlich jüngeren Szenenpartnern Katharina Stemberger und Sascha Wussow in der folgenden Drehpause erzählte, erinnerte ihn der Moment an die Novemberpogrome, die Merkatz als Kind selbst miterlebt hatte. Auch Heinz Petters war in der Zeit, die in den Bockerer-Filmen gezeigt wird, aufgewachsen und die Erinnerungen der beiden waren Teil ihrer Herangehensweisen an ihre Rollen. Die waren beim vierten Bockerer ähnlich kämpferisch angelegt wie in den Vorgängerfilmen. Ihre legendären Filmfiguren bekamen es diesmal allerdings mit einem neuen Widersacher, in Person von Wolfgang Böck, zu tun, der einen gnadenlosen Bürokraten spielte.
Der besagte Antagonist sollte laut Drehbuch eigentlich zu Fuß über den Hauptplatz marschieren, bretterte Dank der Spontanzusammenarbeit mit dem regionalen Museum nun aber stilecht mit einer Jawa 350, Typ 634, durch den Film. Sehr zur Freude des Schauspielers Böck, der die Maschine auch in den Drehpausen „ausprobierte“. In visueller Hinsicht wurde das diabolisch flinke Motorrad des „Bösewichts“ das ideale Pendant zum schwerfälligen, „Bockerer-Auto“ des Protagonisten, dem Steyr 150 Lieferwagen. Das legendäre Fahrzeug durfte in keinem der Bockerer-Teile fehlen, warf in der sommerlichen Juni-Hitze aber derart lange Schatten, dass es immer wieder aus dem Bild bewegt werden musste.
Auch solche Tätigkeiten fallen meist in das Aufgabengebiet eines Produktionsassistenten. Als Regisseur Franz Antel mich anwies, den Wagen „schnell aus dem Bild“ zu fahren, wurde mir zum ersten Mal bewusst, warum der bei mir noch ausständige Führerschein ein Aufnahmekriterium gewesen war. Die Anweisung der damals bereits 90-jährigen Filmlegende abzulehnen, war allerdings keine Option. Zum Glück blieb das legendäre Fahrzeug unbeschädigt und der Dreh verlief auch sonst reibungslos.
Für die Menschen in Eggenburg sind die Drehwochen bis heute eine lebendige Erinnerung und der mit Unterstützung des Landes Niederösterreich realisierte Film ist Teil der heimischen Filmgeschichte. Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, in die regionale Zeitgeschichte einzutauchen, dann kommen Sie am 2. Juli um 20.00 Uhr in den Kulturpavillon in Radlbrunn und erleben sie den Film bei freiem Eintritt auf der großen Leinwand.
Fotos: EPO-Film, Text: Wolfgang Brandstetter

