
Klang und Weitblick – die Volksmusikanten am Sonntagberg
Das Pilgern hat in Niederösterreich eine lange und gut dokumentierte Tradition. Bereits im Mittelalter entstanden dichte Netzwerke von Wallfahrtswegen, die regionale Heiligtümer mit übergeordneten Zentren verbanden.
Neben großen Zielen wie Mariazell entwickelten sich zahlreiche lokale Wallfahrtsorte, die für die Bevölkerung im Alltag erreichbar waren. Der Sonntagberg zählt zu diesen sogenannten „Bergheiligtümern“, die oft weithin sichtbar angelegt wurden und sowohl religiöse Orientierung als auch landschaftliche Präsenz verbanden. Wallfahrten erfüllten dabei unterschiedliche Funktionen: Sie dienten der Bitte und dem Dank, waren aber auch soziale Ereignisse, bei denen Gemeinschaft gestiftet und gepflegt wurde. In der Forschung wird das Pilgern daher nicht nur als religiöse Praxis, sondern auch als kulturelle und soziale Form des Unterwegsseins verstanden, die bis in die Gegenwart fortwirkt.
Schon im 15. Jahrhundert ist am Sonntagberg eine Marienverehrung belegt. Der heutige barocke Bau der Basilika wurde im 18. Jahrhundert errichtet und prägt bis heute weithin sichtbar das Mostviertel. Über Generationen hinweg haben sich Menschen auf den Weg hierher gemacht – zu Fuß, oft über weite Strecken, getragen von der Hoffnung, Dankbarkeit oder dem Wunsch nach Orientierung.
Diese Tradition des Pilgerns lebt bis heute fort. Eine besondere Form davon ist die Volksmusikantenwallfahrt, die seit 2009 jährlich auf den Sonntagberg führt. Sie verbindet das Unterwegssein mit einer zweiten, ebenso tief verwurzelten Praxis der Region: dem gemeinsamen Singen und Musizieren.
Entstanden aus einer Idee von Alfred Luger, entwickelte sich die Wallfahrt rasch zu einem Fixpunkt im Jahreskreis. Ohne große Bewerbung, aber getragen von persönlichem Engagement, fand sie von Beginn an großen Zuspruch. 2014 wurde die Initiative mit dem Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich ausgezeichnet. Organisiert wird sie bis heute vollständig ehrenamtlich vom Netzwerk der Mostviertler Volksmusikanten.
Eine zentrale Rolle übernehmen dabei Christoph und Georg Berger mit ihrer „Stubenmusik Berger“ sowie ein engagiertes Kernteam aus Musikerinnen und Musikern der Region. Unterstützt werden sie von zahlreichen Mitwirkenden. der Katholischen Jugend und natürlich allen Sängerinnen und Sängern, Musikantinnen und Musikanten. Die Wallfahrt ist damit ein Gemeinschaftsprojekt im besten Sinne.
Der Weg selbst ist bewusst gewählt: Vom Panoramahöhenweg bei Wagenöd führt die Route mit weitem Blick über das Mostviertel hinauf zur Basilika. Schon in den frühen Morgenstunden versammeln sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, stärken sich beim Musikantenfrühstück und machen sich anschließend gemeinsam auf den Weg. Begleitet wird die Wallfahrt von Franz Grimm aus Steinakirchen, der mit Geschichten und G‘schichtln die Landschaft und ihre Geschichte lebendig werden lässt.
Musik ist dabei von Anfang an präsent. Entlang des Weges wird gesungen und gespielt – spontan, in wechselnden Gruppen und ohne feste Bühne. Diese Form des gemeinsamen Musizierens gehört zum Wesen der Volksmusik: Sie entsteht im Miteinander und begleitet den Alltag ebenso wie besondere Anlässe.
Ihr Ziel findet die Wallfahrt in der Basilika Sonntagberg, die seit Jahrhunderten Ort der Einkehr ist. Die festliche Messe wird ausschließlich von Volksmusikantinnen und Volksmusikanten aus dem Mostviertel gestaltet. Saiteninstrumente, Bläser, Steirische Harmonika und Gesang verbinden sich zu einem vielschichtigen Klangbild. Ensembles wie der Bäuerinnenchor Waidhofen, die „Schnopsidee“, die „ZiachSoatnMusi“ oder die Stubenmusik Berger stehen exemplarisch für die Vielfalt der regionalen Musik.
Nach dem Gottesdienst setzt sich die Gemeinschaft vor der Basilika und in den umliegenden Gasthäusern und Mostheurigen fort. Bei einer Agape, beim gemeinsamen Essen und weiteren Musizieren klingt der Tag aus. In der Zeit der Obstbaumblüte entfaltet das Mostviertel dabei seinen besonderen Reiz – Landschaft, Kulinarik und Musik greifen ineinander.
So verbindet die Volksmusikantenwallfahrt Vergangenheit und Gegenwart: die jahrhundertealte Tradition des Pilgerns mit einer lebendigen Musikkultur, die bis heute von vielen Menschen getragen wird.
Die nächste Volksmusikantenwallfahrt findet am Sonntag, 26. April 2026 statt. Treffpunkt ist ab 6.30 Uhr beim ehemaligen Mostheurigen Bogner in Wagenöd, der Abmarsch erfolgt um 7.15 Uhr entlang des Panoramahöhenweges.
Die Messe beginnt um 9.00 Uhr in der Basilika Sonntagberg. Alle Musikantinnen und Musikanten sowie Interessierte sind eingeladen, diesen besonderen Tag gemeinsam zu erleben.