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Europa denken

Mo 2.11.2020, 18.00 Uhr / Livestream
Europa spüren. Europa erleben.
Europa denken

 

Diskussion hier nachschauen!

Europa selbstverständlich!?

Bereits zum dritten Mal wurde im Rahmen der Reihe „Europa denken“ die Zukunft der Europäischen Union und des Kontinents in den Fokus einer hochkarätig besetzten Diskussion gestellt.

Keynote-Speakerin Ulrike Guérot, Leiterin des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems, präsentierte zu Beginn aktuelle Entwicklungen rund um die Europäische Union wie den 750 Milliarden Euro umfassenden Corona-Hilfsfond, der im Juli beschlossen wurde. Laut Ulrike Guérot ist die Form der Zinsgemeinschaft, durch die der Fonds entstanden ist, ein Novum in der Geschichte der EU und ein Schritt in eine neue Form und Zukunft der Europäischen Union.

In der Diskussion standen vor allem die verschiedenen Interessen und Herangehensweisen von Wirtschaft, Kultur, Politik an das Thema Europa im Mittelpunkt.

Kultur kennt keine Grenzen“, so Heinz Ferlesch, österreichischer Dirigent und Komponist. Er sieht die Kultur als verbindendes Element in Europa, regionale Kultur und ein grenzüberschreitender Kulturbegriff sind für ihn kein Widerspruch, sondern würden sich gegenseitig bereichern. Am Beispiel eines 50-köpfigen Chores skizzierte er die Möglichkeit wie viele Einzelne, mit unterschiedlichen Wurzeln und Interessen, ein großes gemeinsames Werk entstehen lassen. Auf Dauer sei ein künstlerischer und kultureller Austausch nur durch den persönlichen Kontakt sinnstiftend, diese Erkenntnis bringt die Corona-Pandemie für den engagierten Chorleiter mit sich.

Laut Michael Duscher, Geschäftsführer der Niederösterreich Werbung, soll es im Tourismusbereich künftig einen Schwerpunkt bei der Regionalität geben. Durch diese würde sich auch Europa auszeichnen. Ein gemeinsames Europa entstünde durch „Europa nicht nur denken, sondern Europa auch leben“. Durch die Auseinandersetzung mit anderen Regionen und Kulturen würde ein besseres Europa-Verständnis entstehen, so der Tourismusfachmann. Länderübergreifende Projekte wie der Radweg Eurovelo 13 seien wegweisende Projekte zu einem „grenzenlosen“ Europa. Coronabedingt sei vor allem der Wunsch nach Ruhe und Entschleunigung fernab der Massen wieder in den Fokus von Reisenden gerückt, so Duscher.

Für Gerhard Draxler, Geschäftsführer Landwirtschaftliche Bundesversuchswirtschaften, stand unter anderem die landwirtschaftliche Grundversorgung innerhalb Europas im Mittelpunkt. Diese sei laut Draxler bereits für die EU-Gründungsväter von größter Bedeutung gewesen. Die Landwirtschaft wäre daher auch einer der<s>,</s> am längsten europäisch konsolidierten Wirtschaftszweige. Der Rahmen für landwirtschaftliche Programme wird von der EU vorgegeben, das dazugehörige Know-how stammt jedoch aus den Regionen. Kritik an der Europäischen Union übte Draxler vor allem in Bezug auf die Grenzschließungen für Bürger im Zuge der Pandemiebekämpfung. Die Schließungen seien zwar nachvollziehbar, die unterschiedlichen Vorgaben einzelner Staaten würden jedoch für Unmut sorgen. Ein gemeinsames europäisches Regulativ, das es bereits bei anderen Krankheiten gibt, wäre für das einheitliche Vorgehen hilfreich.

 

Ulrike Guérot stellte abschließend noch in Frage, für wen welche Grenzen relevant seien. Besonders in Bezug auf Corona sei deutlich geworden, dass Grenzschließungen hauptsächlich die EU-Bürger, das heißt die einzelnen Menschen betroffen haben. Der Warentransport und der Finanztransfer waren ausgenommen. Die Vorstellung von wieder geschlossenen Grenzen sei, so Guérot, für viele, auch für jene die dies schon erlebt hatten, nur schwer vorstellbar gewesen.

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer abschließend bei der Frage ob es einen Widerspruch zwischen Nationalstaat und EU-Bürgerschaft gäbe. Alle vier sehen es als möglich, gleichzeitig Österreicher, Deutscher, etc. und EU-Bürger zu sein. Wichtig sei es zu verstehen, dass jeder Einzelne Teil Europas ist. Zudem seien Staaten historisch gesehen immer einem Wandel unterlegen und die heutigen Nationalstaaten ein Ergebnis der jüngeren Geschichte. Auch die Zukunft der Staatsformen und -grenzen sind für Guérot noch völlig offen.

Daniel Lohninger, der Chefredakteur der Niederösterreichischen Nachrichten, führte bereits zum zweiten Mal durch das Europagespräch im Haus der Regionen. Mit seinen Zwischenfragen und verbindenden Zusammenfassungen gelang ihm ein optimaler Brückenbau zwischen den einzelnen Positionen.

Positive Rückmeldungen haben uns, die Volkskultur Niederösterreich, aus den Reihen der Zuseher des Livestreams erreicht. Angesprochen wurde die hohe Gesprächskultur bei unterschiedlichen Standpunkten, die Metaebene und Übersetzung mit konkreten und nicht alltäglichen Einblicken, die durch das Niveau und die Fachkompetenz der Diskutanten gewährt wurden.

„Das Gespräch Europa denken – Europa selbstverständlich!? bewies einmal mehr, dass das Mitnehmen der Bürgerinnen und Bürger entscheidend ist und sein wird. Keine ganz leichte Aufgabe, denn die Thematik ist komplex und kompliziert, keinesfalls schwarz-weiß zu lösen und verlangt Bildungs- und Reifestand“, so Dorli Draxler, Geschäftsführerin der Volkskultur Niederösterreich und Initiatorin der Gesprächsreihe.

 

Kultur Niederösterreich